Varanasi – Tod & Ewigkeit am Gangesufer

Bereits am Bahnhof in Khajuraho treffe ich Anneline aus Holland und Felix aus Deutschland. Anneline sitzt mit anderen Reisenden am Bahnsteig und signalisiert mir mit einem Lächeln, mich zu ihrer Gruppe zu gesellen.

Es ist bereits kurz vor Mitternacht und in der Klasse 3AC bekommen wir Kissen und Decken für die Nacht. Von Khajuraho gibt es nur einen Zug nach Varanasi täglich und in einigen Waggons sitzen außergewöhnlicherweise mehr Ausländer als Inder. Die Zugfahrt dauert 13 Stunden anstatt der vorgesehenen 11 Stunden. Vom Bahnhof teilen wir uns zu viert mit unserem Gepäck ein Tuktuk. Zu viert in einem offenen dreirädrigen Tuktuk zu fahren bedeutet, dass sich drei auf die Rückbank mit dem Gepäck quetschen. Ich wiederum sitze mit einer Arschbacke auf dem Sitz des Fahrers, hänge zur Hälfte aus dem Fahrzeug und versuche die Bewegung seines Lenkers (ja: Lenkers, nicht Lenkrad) nicht zu beeinträchtigen. Im dichten Verkehr Varanasis ist es keine gute Idee aus einem Fahrzeug zu hängen – ich mache mich so klein wie möglich.

Varanasi – vormals Benares – gilt als eine der ältesten ununterbrochen bewohnten Städte der Welt. Bereits seit 2600 Jahren spielt die Stadt eine wichtige Rolle im Hinduismus. Sie soll von Gott Shiva, dem Zerstörer und mächtigsten Gott des Hinduismus gegründet worden sein. Sie zieht Pilger aus dem ganzen indischen Subkontinent an. Dem hinduistischen Glauben nach erlangt jeder Erlösung, der in Varanasi stirbt. Erlösung bedeutet dem nicht endenden Zyklus der Wiedergeburten zu entkommen. So kommen alte Menschen mit dem Vorhaben dort zu sterben nach Varanasi. Der Tod ist also omnipräsent.

Das Flussufer des Ganges, der viele hundert Meter breit und mächtig durch Varanasi fließt, wird über Kilometer von Ghats gesäumt.Varanasi Ghats

Varanasi Ghats

sunken temple Varanasi

Obwohl das Wasser nachweislich erheblich verunreinigt ist, baden und waschen Inder täglich an den Treppen. Das heilige Wasser des Ganges verspricht Reinheit für die Lebenden und Erlösung für die Toten.

Baden mit Wasserbüffeln

Waschen am Gangesufer

Die Straßen der Altstadt sind verwinkelt und chaotisch. Die vielen Menschen, Kühe und Motorräder sorgen bereits für mehr Verkehr als erträglich. Fahrradrikschas und Tuktuks dürfen nicht hereinfahren, sodass wir am Rande des Gassengewirrs abgesetzt werden. Wir müssen den Rest zu Fuß laufen. Anneline, Yasmina und Phillip aus Schweden und ich haben uns ein paar Unterkünfte herausgesucht, die wir ansteuern wollen. Wir stürzen uns ins Getümmel in den engen Gassen. Mit unseren Rucksäcken fallen wir auf wie bunte Hunde. Bald laufen mehrere Schlepper vor und hinter uns her und versuchen uns in bestimmte Unterkünfte zu lotsen. Das Straßennetz entsagt jeder Ordnung. Auf, ab, schmal, breit, geschwungen – selten geradeaus. Die Gebäude sind hoch um die Himmelsrichtung am Sonnenstand erahnen zu können. Wir schauen einige Unterkünfte an, sind aber entweder von dem Preis oder der Qualität nicht angetan. In der schwülen Hitze, mit unserem Gepäck auf dem Rücken und lästigen Schleppern an den Fersen, von denen einer unter Drogen zu stehen scheint und besonders aufdringlich ist, laufen wir anderthalb Stunden orientierungslos durch die Gassen. Schlussendlich finden wir erschöpft und entnervt eine Unterkunft. Ich teile mir ein Doppelzimmer mit Anneline.

Zu viert unternehmen wir am Abend einen weniger erschöpfenden Rundgang durch Varanasi. Der Strom fällt aus, was in Indien durchaus üblich ist. Die Besitzer der kleinen Geschäfte zünden Kerzen an oder haben batteriebetriebene Lampen, die wenig aber ausreichend Licht spenden, um den Weg trotz der einbrechenden Nacht erahnen zu können. Geschäfte sind in Indien nicht viel mehr als zur Straße offene Räume, aus denen die Ladenbesitzer alle möglichen Verbrauchsartikel verkaufen. Ich habe in Indien keinen einzigen Supermarkt gesehen. Soweit ich weiß, verhindert die indische Regierung, dass Supermarktketten auf den indischen Markt drängen, da hunderte Millionen Inder von solchem Kleingewerbe leben.

Wir laufen an riesigen Holzstapeln vorbei und Brandgeruch und Rauchschwaden kommen uns entgegen. Wir gelangen an das Manikarnika Ghat – dem größeren von zwei Krematorien am Gangesufer – an dem Leichen auf Holzhaufen öffentlich verbrannt werden. Der beißende Rauch hindert uns daran näher an die brennenden Holzhaufen mit den aufgebahrten, in bunte Tücher gewickelten Körper zu treten. Viele Inder – die meisten Schaulustige wie wir – stehen am Rande in dunklen Ecken und lassen das Feuer und den Funkenflug auf sich wirken. Im Hintergrund des Blickfeldes geht das dunkle Wasser des Ganges nahtlos in den schwarzen Himmel über. Durch die Flammen kann ich, nachdem die umwickelten Tücher bereits verbrannt sind, schemenhaft Gliedmaßen erkennen. Ist da ein Bein und ein Fuß mit verkohlten Zehen zu sehen? Wir teilen uns flüsternd über verstörenden Eindrücke aus. Als ich einige Momente später erneut ins Feuer schaue, ist das Bein verschwunden. Vielleicht habe ich es mir auch nur eingebildet – oder das verkohlte Bein ist zurück ins Feuer gefallen.

Bilder dürfen verständlicherweise nicht gemacht werden. Bei einer Bootsfahrt in einem Ruderboot an einem der nächsten Tage mache ich ein paar Bilder vom Wasser aus.
Brennholz am Manikarnika Ghat

Brennholz am Manikarnika Ghat
Brennholz entladen

Unmengen an Brennholz wird täglich in Booten angeliefert und muss von Hand entladen und die Treppen hinaufgetragen werden
Öffentliches Krematorium

Öffentliches Krematorium
der letzte Gang – auf dem Weg zum Burning Ghat

der letzte Gang – auf dem Weg zum Burning Ghat

Am nächsten Tag wollen wir das Gangesufer mit seinen Treppen näher erkunden. Wir laufen die Hauptgasse parallel zum Flussufer entlang.
indisches Götter-Graffiti

indisches Götter-Graffiti

frisch gespresster Zuckerrohrsaft

frisch gespresster Zuckerrohrsaft

Asi Ghat ist das südlichste der Ghats. Felix und Jeff, mit denen wir am Vortag noch im Zug saßen, warten dort bereits auf uns. Ein paar Touristen sprechen uns an, ob wir bei einem Videodreh dabei sein wollen. Es werden noch ein paar Ausländer benötigt. Nach anfänglicher Skepsis siegt die Neugierde – wir haben ja Zeit.
Der Produzent weist sich aus für uns

Der Produzent weist sich für uns aus

Wir besteigen ein kleines Boot, das am Fuße des Ghats im Wasser liegt. Wir sind rund ein Dutzend Weiße und bekommen alle ein rotes T-Shirt, das wir anziehen sollen. Das Boot hat ein Flachdach, auf dem wir im Schneidersitz Platz nehmen. Einige aus der Gruppe bekommen ein Instrument in die Hand gedrückt: Flöte, Gitarre. Anneline einen Schellenring. Rajni Thakkarwal ist ein Lokalstar und wir sind Teil der Budgetproduktion eines Musikvideos, das angeblich zu Neujahr auf Youtube verfügbar sein soll. Die korpulente Sängerin mit gewissen Starallüren – wir können nicht einschätzen wie berühmt sie in Indien ist – bewegt ihre Lippen während aus einem Lautsprecher ein zuvor eingespielter Song über den Ganges dröhnt. Das Boot fährt vor der Kulisse der Stadt den Fluss hinab.
Rajni Thakkarwal

Rajni Thakkarwal

Wir sitzen unter der prallen Sonne im Schneidersitz und sollen uns im Takt der Musik wiegen oder schunkeln, während die Sängerin in unserer Mitte steht.Auf dem Boot, Varanasi

Die verteilten Instrumente kann niemand spielen, es tun aber alle ihr bestes es so aussehen zu lassen als ob. Der Kameramann scheint beeindruckt und macht vom Gitarristen und der Flötistin minutenlang Nahaufnahmen. Nachdem wir zwei Stunden später viele Kilometer flussabwärts im Wasser treiben, steigt der Kameramann in ein Beiboot und macht erst Aufnahmen vom Wasser dann von einer Sandbank aus. Der Song von Rajni Thakkarwal lärmt gefühlt zum tausendsten Mal aus den Lautsprechern. Obwohl niemand in unserer Gruppe in Eile zu sein scheint, macht sich eine weitere Stunde später Unruhe breit. Wir machen unserem Unmut Luft und werden schließlich an den Ausgangspunkt zurückgefahren und fordern als Vergütung ein Mittagessen ein. Wir werden zu einer Pizza eingeladen.
Kameramann im Laufschritt auf der Sandbank

Kameramann im Laufschritt auf der Sandbank

Gruppenbild auf dem Boot

Nach drei Wochen in Indien habe ich Lust auf deutsches Backwerk. Wie in den meisten Ländern außerhalb Deutschlands sind gute Brötchen und Brot kaum zu bekommen – in Indien sowieso nicht. Zu fünft folgen wir einer Empfehlung zur German Brown Bread Bakery. Wir müssen wachsam sein: Weil sich die Bäckerei großer Beliebtheit erfreut und auch in Reiseführern Erwähnung findet, hat sich nur 20m entfernt eine Bäckerei mit gleichem Namen niedergelassen. Wer nur den Namen im Kopf hat und das Original nicht anhand eines Bildes von Tripadvisor oder einer genaueren Beschreibung zu erkennen weiß, wird möglicherweise in der abgekupferten (schlechteren) Kopie landen.
Ausschilderung zur Brown Bread Bakery

Ausschilderung zur Brown Bread Bakery

Die richtige Brown Bread Bakery wurde tatsächlich von einem Deutschen gegründet, der bereits seit 20 Jahren in Varanasi lebt und fast nicht mehr von einem Inder zu unterscheiden ist. Hier werden verschiedene Brot und importierte Käsesorten angeboten. Das verhältnismäßig teure Frühstück gönnen wir uns jeden Morgen der verbleibenden Tage in Varanasi.

In Varansi bringe ich meinen Laptop in ein Acer-Servicecenter eine und bekomme eine neue Festplatte. Ich verbringe die folgenden Tage in Varanasi weniger mit Erkundungen, sondern mit dem erneuten Aufsetzen meines Laptops. Das Wandeln in den engen Gassen mit hupenden und vorbeiheizenden Motorrädern fordert ohnehin alle Sinne und strapaziert auf Dauer das Gemüt.

Ich bekomme meinen ersten Haarschnitt auf der Reise und lasse mich dort auch rasieren. Eine Gesichtsrasur ist in Hamburg bestenfalls im muslimischen Teil St. Georg üblich. Hier ist es absolut alltäglich.
Haarschnitt & Rasur am Gangesufer

Haarschnitt & Rasur am Gangesufer

Anneline, Felix und ich; wir haben alle Nepal und Wandern um das Annapurna-Bergmassiv als nächstes Ziel und beschließen zusammen zu reisen. Yasmina und Phillip reisen weiter in den Osten Indiens.
Gruppenbild: Yasmina, Felix, Anneline, ich, Phillip

Gruppenbild: Yasmina, Felix, Anneline, ich und Phillip

Um an die Grenze zu gelangen, müssen wir erneut den Nachtzug nehmen. Der Zug Zug soll um 23:15 Uhr abfahren, hat aber über eine Stunde Verspätung. Während wir am Bahnhof in Varanasi warten, tummeln sich unzählige Ratten in den Gleisbetten zwischen den Bahnsteigen. Egal wohin ich schaue: überall bewegen sich die grauen Leiber. Ich ekle mich aber erst, als ich sehe, wie Inder mitten im Bahnhof in das von Ratten bevölkerte Gleisbett steigen um ihr Geschäft zu verrichten.
First Class (ohne AC)

Im Zug: First Class (ohne AC)

Von Gorakhpur nehmen wir einen Bus in die Grenzstadt Sonauli. Nach zehn Stunden Zugfahrt sind das weitere vier Stunden in einem vollgestopften öffentlichen Bus. Die Sitze sind selbst für meine schmalen Schultern knapp bemessen und ich sitze mit Indern zu siebt auf den sechs Sitzen der letzten Reihe.
Noch mit ausreichend Platz im Bus!

Noch mit ausreichend Platz im Bus!

Einige Kilometer vor Ankunft an der Grenze stauen sich bereits LKW. Die letzten paar hundert Meter müssen wir laufen. Auf der indischen Seite werden im Immigration Office unsere Pässe kontrolliert und das Visum überprüft. Anschließend dürfen wir die Grenze zu Fuß übertreten. Auf der nepalesischen Seite können wir ein 14, 30 oder 90 Tage Visum direkt bei Ankunft erhalten. Bezahlt wird Bar in Dollar.
Grenzübergang Indien/Nepal

Grenzübergang Indien nach Nepal in Sonauli/Belahiya

Nepal hat eine andere Zeitzone. Wir stellen unsere Uhren 15 Minuten vor! Indien hatte bereits eine ungewöhnliche Zeitzone: Mitteleuropäische Zeit (MEZ) +4:30. Während unserer Sommerzeit nur MEZ + 3:30. Nepal liegt in der Zeitzone MEZ +4:45.

Khajuraho – Erotik in Stein gemeißelt

Ich sitze tagsüber erneut im Zug: von Agra nach Khajuraho. Die klimatisierte Klasse (3AC) ist kaum besetzt als ich am späten Vormittag in den Zug steige. In meinem Abteil sitzt ein Inder. Er ist ein paar Jahre älter als ich. Father (Pfarrer) Jossey Kuriakose ist katholischer Pfarrer einer kleinen Gemeinde in Khajuraho. Er kommt aus dem südwestlichen, indischen Bundesstaat Kerala, wo die Portugiesen während der Kolonialzeit den Katholizismus und verbreitet haben. Heute noch gibt es dort viele Kirchen – sogar Kathedralen – und katholische Gemeinden.

Zur St. Joseph Gemeinde gehören rund ein Dutzend Familien. Wir unterhalten uns angeregt während der zehnstündigen Fahrt über Religion, die indische Gesellschaft und andere Themen. Er fragt mich interessiert zum Thema Fotografieren und der Benutzung meiner digitalen Spiegelreflexkamera aus. Schließlich lädt er mich zum Gottesdienst am nächsten Abend in seine Gemeinde.

Ich beginne an meinem Laptop meine ersten Blogeinträge vorzuschreiben, als der Bildschirm plötzlich schwarz wird. Anschließend lässt sich der Computer nicht hochfahren – im Bios wird die Festplatte nicht mehr angezeigt. Einige Tage später in einem Servicecenter habe ich Gewissheit: Festplattencrash!
Ich habe mit Antritt meiner Reise viele Ärgernisse und Zwänge (denen ich mich freiwillig unterworfen habe) hinter mir lassen können, aber ich mache mich immer noch zum Sklaven der Elektronik. Hätte ich auf einen Laptop lieber verzichten sollen?
Zum Glück habe ich die Bilder der ersten drei Wochen noch auf der Speicherkarte meiner Kamera. Was wäre gewesen, wenn meine Festplatte einige Monate später weggerauscht wäre?

Khajuraho liegt im Norden des Bundesstaates Madhya Pradesh. Der kleine Ort – nicht vielmehr als ein Dorf – liegt abseits der Haupttouristenrouten. Beim Frühstück am nächsten Morgen in einem einfachen offenen Imbiss am Randes des staubigen Versammlungs- und Veranstaltungsplatzes in der Mitte des Ortes komme ich mit einem Inder ins Gespräch. Er berichtet mir, dass die Verwaltung versuche die Verkehrsinfrastruktur auszubauen, um mehr Touristen nach Khajuraho zu locken. Eine direkte Bahnverbindung nach Agra (und Delhi) gibt es erst seit wenigen Jahren. Der neue Flughafen fertigt aktuell völlig unrentabel zwei Flüge am Tag ab.

Dabei bietet Khajuraho die beeindruckensten Tempelanlagen, die ich in Indien besichtige: Die Hindutempel sind rund 1000 Jahre alt (aus dem 10. – 12. Jh.). Sie waren Jahrhunderte vom Dschungel überwuchert, bis die Briten sie während der Kolonialzeit wiederentdeckten.
UNESCO Weltkulturerbe: Western group of temples, Khajuraho

UNESCO Weltkulturerbe: Western group of temples, Khajuraho

Western group of temples, Khajuraho

Western group of tempels, Khajuraho

Die Tempel sind über und über mit Skulpturen und Reliefs mit immensem Detailreichtum versehen. Sie werden aufgrund ihrer explizit erotischen und sexuellen Darstellungen auch als Kamasutratempel bezeichnet. Es gibt keine eindeutige Erklärung, warum das Volk der Chandella, die diese Tempel errichteten, diese Darstellungen wählten. Ein Widerspruch drängt sich mir aer auf: Einerseits die kunstvollen und ästhetischen Darstellungen von Frauen, die nichts von Unterdrückung von Frauen erkennen lassen. Andererseits die niedrige Stellung von Frauen, der schwierige Umgang mit Sex und Zwangsverheiratungen in der heutigen indischen Gesellschaft sowie die Berichte von brutalen Vergewaltigungen, über die selbst in den westlichen Medien berichtet wird.
Vom ausgezeichneten Audio-Guide lasse ich mir die erotischen Darstellungen auf den Tempelanlagen erläutern:Western group of temples, Khajuraho
höchster Detailreichtum: Liebesmale (Kratzspuren) auf der Schulter dieser Schönheit

höchster Detailreichtum: Liebesmale (Kratzspuren) auf der Schulter dieser Schönheit

western group of temples, Khajuraho western group of temples, Khajuraho

Sinn für Humor: alle Elefanten-Köpfe um den Sockel des Tempels schauen geradeaus. Nur ein Elefant hat etwas interessantes entdeckt und schaut neugierig zur Seite.

Elefanten am Tempel
Flip-Flops bleiben vor dem Tempel!

Flip-Flops bleiben vor dem Tempel!
Aufstieg zum Tempel im reichverzierten Sari

Aufstieg zum Tempel im reichverzierten Sari

Im Inneren der steinernen Tempel ist es kühl und dunkel. Das stechend helle Tageslicht scheint gedämpft durch die seitlichen Balkone und den Haupteingang, zu dem man die Stufen barfuß emporsteigen muss. In der Haupthalle steht die erneut reich verzierte innere Kammer, um die man herumgehen kann. Fahles Licht fällt auf die Statuen und unter der Decke lassen sich hängende Fledermäuse ausmachen.
Blick in den Umgang der inneren Kammer

Blick in den Umgang der inneren Kammer
Götterbild in der inneren Kammer

Götterbild in der inneren Kammer

Die abgezäunte Anlage ist gut gepflegt – es sieht hier so gar nicht nach Indien aus. Ich wandle stundenlang zwischen den Tempeln der zum Weltkulturerbe zählenden Westtempelgruppe. Als ich das Gelände verlasse, spricht mich ein junger Inder an und bietet mir an, mich zu den anderen Tempeln um Khajuraho zu fahren, sofern ich das Benzin für seinen Motorroller zahle. Er bringt mich – so unser Deal – nach der Tour zum Geschäft seines Chefs, der sich mir als “Super Mario” vorstellt. Super Mario zieht eine beeindruckende Verkaufsshow ab, kann mich aber für seine Pashmina- bzw. Kashmir-Wirkwaren nicht begeistern.

Am Abend besuche ich den Gottesdienst von Father Jossey in der St. Joseph’s Church. Das Gebäude ist klein und bescheiden und hat äußerlich wenig mit einer europäischen Kirche gemeinsam. Katholiken sind in diesem Landesteil eine verschwindend kleine Religionsminderheit, wobei die angeschlossene von Nonnen geführte Schule hohes Ansehen in ganz Khajuraho genießt.

Ich habe mich im Rahmen meiner Möglichkeiten angemessen angezogen: für solche Anlässe habe ich ein langärmliges Hemd im Gepäck, kann aber an meiner ausgewaschenen Jeans und den zerschlissenen Schuhen wenig ändern. Der Gottesdienst wird komplett auf Hindi abgehalten. Ich war lange nicht in einem katholischen Gottesdienst und bin aus der Übung was das Protokoll betrifft. Es wird viel gesungen und im Sprechgesang vorgetragen. Instrumente gibt es hier nicht – von einem Klavier oder einer Orgel ganz zu schweigen. Der Gottesdienst endet mit der Segnung der Gaben und der heiligen Kommunion. Das kenne ich als getaufter Katholik!
Father Jossey in St. Joseph, Khajuraho

Father Jossey in St. Joseph, Khajuraho – Altarbild und Theatervorhang sind auf die Wand gemalt
Die Heilige Maria mit Lichterketten-Aura

Die Heilige Maria mit Lichterketten-Aura
…im Sonntagsstaat

…im Sonntagsstaat

Father Jossey lädt mich in sein angrenzendes Pfarrhaus zum Essen ein. Mit Genugtuung nehme ich das Hähnchenfleisch im Essen zur Kenntnis: Offensichtlich ist dies kein hinduistischer Haushalt! Mir bleibt lebhaft in Erinnerung, wie wir im Anschluss Die Mumie kehrt zurück auf Englisch im Fernsehen schauen. Father Jossey ämusiert sich köstlich während ich die vielen unchristlichen Anspielungen und Aussprüche im Film zähle. Im Anschluss fährt er mich mit seinem Auto zum Bahnhof, von wo der Nachzug nach Varanasi abfährt.

Taj Mahal!

Nachdem ich Neu Delhi und Jaipur zu Beginn meiner Indienreise besucht habe, fehlt nur noch Agra um das Goldene Dreieck zu komplettieren. Ich verlasse den Bundesstaat Rajasthan und komme in den angrenzenden Bundesstaat Uttar Pradesh (kurz: UP).

Agra, das 200km südöstlich von Neu Delhi liegt, war im 16./17. Jahrhundert unter den damaligen Mogulherrschern zweitweise Hauptstadt. Hauptanziehungspunkt in Agra ist zweifelsohne das Taj Mahal, das am Rande des Flusses Yamuna die Silhouette der Stadt dominiert.

Ich steige in Taj Ganj ab. Das chaotische Viertel drängt sich mit den engen Gassen und zahllosen billigen Absteigen um die großzügige Anlage, in der das Taj Mahal steht. Von der Dachterrasse meiner Unterkunft bekomme ich einen ersten Vorgeschmack.Blick Dachterasse – Taj Mahal

Es ist nach meiner Ankunft erst 10 Uhr früh und andere Reisende kehren gerade von ihrer Besichtigung des Taj Mahal zurück. Ich folge den Empfehlungen und nehme mir dieses Highlight für den nächsten Tag – zum Sonnenaufgang – vor. Ein weiterer Anziehungspunkt (und ebenfalls Weltkulturerbe) ist das rote Fort von Agra. Dieses war lange Zeit Sitz der Mogulherrscher und ist größer als das rote Fort in Delhi. Es liegt nur wenige Kilometer flussaufwärts vom Taj Mahal. Die zusätzliche Perspektive lässt meine Vorfreude weiter steigen.
Audienzhalle im roten Fort, Agra

Audienzhalle im roten Fort, Agra

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Wie beim späteren Besuch des Taj Mahals fallen die Massen an Touristen auf. Ganze Busladungen mit Reisegruppen aller Altersklassen und Nationalitäten. Entsprechend hartnächtig und zahlreich sind Schlepper und Händler, von denen ich nach drei Wochen Indien aber nicht mehr zu beeindrucken bin.

Am Nachmittag habe ich Zeit eine weitere Moschee zu besuchen. Ich verlaufe mich bereitwillig in den geschäftigen Straßen des Kinari Bazaars. Bald bin ich der einzige Ausländer weit und breit und werde aus allen Richtungen neugierig beäugt. Kaum vorstellbar, dass nicht weit entfernt entlang der Hauptstraße Busse über hunderte Meter am Bordstein parken, um ihre Reisenden zum nächsten “Indien Must-See” zu fahren. Ich lasse mich von einem Tuktuk-Fahrer aus meiner Orientierungslosigkeit befreien und durch den irren Verkehr zur anderen Seite des heiligen Yamuna-Flusses bringen.

Die Zeit vor Sonnenuntergang ist ausreichend für einen Besuch bei Itmad-ud-Daulah. Das Grabmahl eines geachteten Ministers wurde früher als Taj Mahal gebaut und hat einige Parallelen. Im Sinne der eindeutigeren Benennung gegenüber Taxifahrern und zur Steigerung der Popularität des im Vergleich zum Nachfolger bescheidenen Mausoleums wird es auch Baby Taj genannt.

Baby Taj

Auf der selben Flussseite direkt gegenüber vom Taj Mahal genieße ich zum Sonnenuntergang den Ausblick auf die Rückseite des Taj Mahal, wo sich die letzten der bis zu 40.000 täglichen Besucher um das Bauwerk schieben.

Taj Mahal, Sonnenuntergang, Agra

Mein Wecker klingelt früh am nächsten Morgen. Der Einlass am Taj Mahal beginnt gegen 06:30, aber ich erwarte lange Warteschlangen und möchte früher dort sein. Das Eintrittsticket ist mit 750 Rupien (knapp 10 EUR) das teuerste, das ich in Indien lösen muss.

Beim Einlass wird mein Rucksack durchsucht. Gegenstände wie Spielkarten, Notizblöcke – angeblich auch Lonely Planet-Reiseführer – dürfen aus unerfindlichen Gründen nicht mit in den hoch ummauerten Bereich gebracht werden. Ich habe keinen dieser Gegenstände dabei oder zumindest erregen mein Stefan Loose-Reiseführer und mein Moleskine-Notizbuch kein Aufsehen. Ich habe mir angewöhnt auf Fragen mit einem folgsam klingenden “Yes Sir” oder “Yes Ma’am” zu antworten und ein möglichst strahlendes Lächeln aufzusetzen. Das muss ich mir während meines einjährigen High-School-Aufenthalts in Texas eingeprägt haben. Ich bilde mir ein aufgrund dessen mit etwas mehr Wohlwollen behandelt zu werden.

Im Dämmerlicht der aufgehenden Sonne bertrete ich den Vorhof Chowk-i-Jilo-Khana. Durch den permanent über der Stadt hängenden Smog ist die Szene in diffuses Licht getaucht. Durch das Haupttor – über die Köpfe der hereinströmenden Besucher hinweg – kann ich das Taj Mahal erspähen.

Taj Mahal am Morgen

Das Taj Mahal ist ein Mausoleum, das Shah Jahan nach dem Tod seiner Lieblingsfrau, der “Mumtaz Mahal” in 21 Jahren Bauzeit (1632-1653) erbauen lies. Rund 20.000 Arbeitskräfte waren beteiligt. In den Marmor sind rund um das Gebäude Halbedelsteine eingelassen. Die Intarsien zeigen Koranverse und komplexe Blumenmuster. Erst aus der Nähe lassen sich die einzelnen Steine ausmachen. Aus größerer Entfernung sehen die bunten Muster wie aufgemalt aus. Das Taj Mahal mit seinen vier schlanken Minaretten sieht es von allen vier Seiten nahezu gleich aus. Aus jeder Perspektive kann das Bauwerk den Betrachter verzaubern. In der zentralen Spiegelachse des Bauwerks und der gesamten Anlage liegt Mumtaz Mahals Grab – daneben das Grab Shah Jahans. Nach dem Durchschreiten des Haupttors bleibe ich völlig eingenommen auf der Plattform gegenüber dem Mausoleum eine Weile stehen. Die aufgehende Sonne veranstaltet indes ihr Farbenspiel auf der Marmoroberfläche des Tahj Mahals. Ich nehme erstmals einen Guide in Anspruch, dem ich meine Kamera überlasse. Taj Mahal, Agra Taj Mahal, Agra Taj Mahal, Agra

Nach der rund einstündigen Führung erkunde ich alleine die weitläufe Anlage. Während Inder einmal um den kompletten Sockel laufen müssen, dürfen Ausländer direkt auf den Sockel zum Eingang steigen. Mein Guide hatte mich zu diesem schnelleren Zugang gelotst – als ob es von Vorteil sei möglichst schnell durchzukommen. Ich genieße es bei meiner zweiten Runde den längeren Weg fast ausschließlich mit Indern zu gehen, die selbst hier die Mehrheit der Besucher ausmachen.IMG_3057 IMG_3076
Frauen in Sari-Trachten

Frauen in Sari-Trachten

Taj Mahal
Koranverse über den Toren des Taj Mahals

Koranverse über den Toren des Taj Mahals
Marmorreliefs mit Intarsienbändern

Marmorreliefs mit Intarsienbändern
Intarsien aus Halbedelsteinen am Taj Mahal

Intarsien aus Halbedelsteinen am Taj Mahal

Es ist erst später Vormittag als ich das Taj Mahal verlasse. Ich fahre mit dem öffentlichen Bus eine Stunde nach Fatehpur Sikri.

Fatehpur Sikri war unter Großmogul Akbar zwischen 1569 und 1585 Reichshauptstadt. Bereits einige Jahre später wurde Fatehpur Sikri verlassen und Agra die neue Hauptstadt. Geblieben ist ein riesiger Palastkomplex mit vielen Gebäuden aus rotem Sandstein. Da ich alleine unterwegs bin, gönne ich mir den Audio-Guide.

An das Gelände grenzt eine riesige Freitagsmoschee (Jama Masjid). Von dem Dorf Fatehpur Sikri, das unterhalb des Palastkomplexes liegt, ist die große Pforte mit der eindrucksvollen Treppe zu sehen.Jama Masjid, Fatehpur Sikri
Noch ein Foto vor dem Erklimmen der Stufen

Noch ein Foto vor dem Erklimmen der Stufen
Ziegen auf den Stufen zur Jama Masjid

Ziegen auf den Stufen zur Jama Masjid

Innerhalb der Moscheemauern liegt außerdem das Grab eines islamischen Heiligen. Das Grabmal ist kunstvoll mit Perlmutt besetzt und das marmorne Gitterwerk um den Innenraum besonders prachtvoll.Fatehpur Sikri, Agra Fatehpur Sikri, Agra
Filigranes Marmorgitter, Fatehpur Sikri

Filigranes Marmorgitter

Auch wenn die Anziehungskraft des Taj Mahal die Stadt mit Touristen überflutet, bleibt der Zauber, der von diesem Bauwerk ausgeht, ungebrochen. Ein unvergessliches Erlebnis!

Jodhpur & Jaisalmer – Wüstenträume im Mondschein

Nach der Ankunft mit dem Bus aus Udaipur am frühen Morgen schlafe ich nur kurz. Ich habe mich mit Darpan verabredet, der mich über Couchsurfing zwei Wochen zuvor in Delhi bei sich aufgenommen hatte. Wir wollen die beiden Wüstenstädte Jodhpur und Jaisalmer erkunden.

Darpan hatte den Nachtzug aus Delhi genommen und stößt morgens in unserem Guesthouse zu Stephan und mir. Von der Dachterasse blicken wir auf das stolze Meherangarh Fort. Aus der Masse kubischer Häuser der blauen Stadt erhebt sich fast senkrecht der rote Sandsteinfelsen. Am oberen Rand scheinen Mauern, Türme und Gebäude aus dem Stein zu wachsen.
Blick vom Fort zur blauen Stadt Jodhpur

Blick vom Fort zur blauen Stadt Jodhpur

Meherangarh Fort, Jodhpur

Blick von der Dachterrasse des Cosy Guesthouse – Meherangarh Fort, Jodhpur

Meherangarh Fort, Jodhpur

Jodhpur war einst Hauptstadt des großen Fürstentums Marwar (nicht zu verwechseln mit dem Fürstentum Mewar). Der Audioguide weiß zu berichten, dass die mächtige Festung über Jahrhunderte hinweg nicht eingenommen werden konnte. Die runden Einschusslöcher von Kanonenkugeln zeugen von den Kämpfen um die Festung.

Durch enge verwinkelte Gassen erreichen wir über mehrere Tore und Schutzwälle das letzte Tor in dessen Schatten hunderte Fledermäuse von der Decke hängen. Vor dem letzten Tor macht die Zuwegung eine 90° Kurve und die riesigen Tore sind mit Metallspitzen versehen. Diese Maßnahmen waren notwendig, um Kriegselefanten beim Angriff das Einrammen der Tore zu erschweren. Hinter dem Tor sind die Handabdrücke der Witwen des Maharadschas Man Singh an der Wand zu sehen. Nach dem Tod ihres Mannes wurden sie lebendig mit dem Leichnam ihres Ehemannes verbrannt. Es galt für die Ehefrauen als unwürdig nach dem Tod ihres Mannes als Witwen zu leben. Darpan erklärt mir, dass dieses „sati“-Ritual trotz Verbots bis Mitte des 20. Jahrhunderts gelegentlich vollzogen wurde.

Wir machen unsere Runde durch das Fort und bewundern die filigranen roten Sandsteinfenster. Wie andernorts aus Marmor gearbeitet, verhindern sie den Blick nach innen, während sie den Blick nach außen gewähren. Dies sollte vor allem die neugierigen Blicke auf die Frauen der Herrscher verhindern.
Sandsteinfenster in Meherangarh Fort, JaisalmerMeherangarh Fort, Jodhpur
Buntglas aus Europa im Meherangarh Fort, Jodhpur

Buntglas aus Europa im Meherangarh Fort, Jodhpur

Meherangarh Fort, Jodhpur

Von den Mauern des Forts reicht der Blick weit hinter die Stadtmauern in die karge Wüste.
Darpan und ich – Blick von Meherangarh Fort, Jodhpur

Darpan und ich – Blick von Meherangarh Fort, Jodhpur

Zufällig sind wir während des international geachteten RIFF-Festivals In Jodhpur. Das Festival wird über fünf Tage von früh morgens bis nach Mitternacht auf dem Fort abgehalten. Auch in den Innenhöfen des Forts machen die Künstler tagsüber Musik und unterhalten die Besucher.
RIFF Festival in Jodhpur

Das Festival widmet sich der volkstümlichen Musik Rajasthans, Indiens und jenseits dieser Grenzen. Obwohl Darpan und ich am Tag unserer Ankunft gegen Mitternacht bereits den Nachtzug nach Jaisalmer nehmen, besuche ich eine der Veranstaltungen am Abend. Die Karte ist mit 1200 Rupien (ca. 15 EUR) praktisch nur für betuchte Inder und ausländische Besucher erschwinglich. Entgegen der ortsüblichen Zurückhaltung gegenüber Alkohol wird das indische Kingfisher-Bier verkauft. Eine Flasche, die hier 0,66 Liter fasst, kostet fast 4 EUR. Die beleuchtete Festung in der warmen und sternenklaren Nacht zu erklimmen, ist etwas besonderes. Ansonsten kann das Fort wie die meisten anderen Sehenswürdigkeiten in Indien nur bis Sonnenuntergang besucht werden.
Meherangarh Fort bei Nacht, Jodhpur

Auf der Bühne finden sich mehrere Musiker mit mir völlig fremden Instrumenten zu einer virtuosen Jam Session ein. Es spielen Daud Khan Sadozai (Instrument: Rubab), Joseph Tawadros (Instrument: Oud) und Dilshad Khan (Instrument: Sarangi), während der Vollmond über den Zinnen der Burg aufgeht. [leider finde ich online kein Video von der Performance]. Ich bin beseelt von der Stimmung, bis eine norwegische Akkordeonistin (Linda Gytri) mit zwei Gitarristen die Bühne betritt. Sie spielt norwegische Volksmusik und Eigenkompositionen und singt zuweilen melancholisch mit. Zumindest die anwesenden Ausländer sind wie ich irritiert: Da sitzen wir in einer Vollmondnacht auf einer der größten Festungen Rajasthans und müssen das mit Schwermut geschwängerte Spiel einer Norwegerin anhören. Ich verlasse die skurrile Szene, um rechtzeitig beim Bahnhof zu sein. Beim Abstieg genieße ich den Wind, der über das Fort fegt, und den Blick auf die Lichter der Stadt.

Wie der Bus am Vortag in Jodhpur, kommt der Zug sehr früh morgens in Jaisalmer an. Ein geschäftstüchtiger Inder (max. 20 Jahre alt), hatte Darpan und mir bereits in Jodhpur auf dem Bahnsteig sein Hotel schmackhaft gemacht. Wir werden dort nicht übernachten, können aber zumindest ein kurzes Schläfchen einlegen und duschen.

Wüstensafaris sind das touristische Highlight Jaisalmers und ziehen Touristen auf ihrer Indienreisen in diesen westlichsten Teil des Landes. Am Nachmittag wollen wir an einer Kamelsafari teilnehmen und die Nacht in der Wüste verbringen. Die Zahl der Anbieter und das Angebotsspektrum sind riesig: vom kurzen Kamelritt in den Sonnenuntergang bis zu tagelangen Wüstenaufenthalten ist alles möglich. Tripadvisor hilft erneut weiter. Bevor wir mit dem Jeep am Nachmittag die Stadt verlassen, können wir noch die Stadt erkunden.

In Jaisalmers Zentrum liegt erneut ein gewaltiges Fort, das im Gegensatz zu allen anderen Festungen Rajasthans noch viele Bewohner (rund 2000) zählt. Die goldene Stadt, die diesen Namen aufgrund der überwiegenden Verwendung von hellem gold-gelben Sandstein trägt, liegt inmitten der Tharwüste nahe der pakistanischen Grenze.
Jaisalmer Fort

Wir machen uns unter der heißen Mittagssonne (38° Grad) auf dem Weg zum Gadi-Sagar Teich. Einst einzige Wasserquelle Jaisalmers. Trotz der erbarmungslosen Hitze sind dutzende teils vollbesetze Ruderboote unterwegs. Ich sitze im Schatten am Ufer auf den Sandstein-Ghats.
Gadi Sagar See

Die Stadt macht durch die weitgehende Verwendung von dem gelben Sandstein einen geordneteren Eindruck als die Städte, die ich zuvor besucht habe. Besonderes Augenmerk verdienen die reich verzierten Havelis – Stadthäuser und -paläste – die von wohlhabenden Bürgern bewohnt werden. Aber auch gewöhnliche Häuser haben reiche Verzierungen und Sandstein-Gitterwerk.
Jaisalmer Sandsteinverzierungen Jaisalmer Sandsteinverzierungen

Am Nachmittag nehmen wir einen Jeep. Neben Darpan und mir sind zwei Inder in unserer Gruppe. Wir fahren gen Westen und passieren eine Straßenkontrolle des indischen Militärs. Angesichts der Nähe zur pakistanischen Grenze hat das Militär eine hohe Präsenz. Wir fahren auf einer Asphaltstraße durch die karge Wüste. Hier ist die Wüste keine reine Sandwüste ohne Vegetation. Im weiten Blickfeld sind Felsen, Büsche und kleinere widerstandsfähige Bäume. Ich hätte es wohl als Steppe bezeichnet…

Auf weiten Teilen der Strecke wird eine Seite der Straße neu asphaltiert. Ich kann mir nur ausmalen welcher Hitze die Straßenarbeiter bei dieser schweißtreibenden unter der Nachmittagssonne ausgesetzt sein müssen. Nach 45 Minuten verlassen wir die Straße und kommen zu unseren Kamelen.

Die Tiere sind riesig. Schulterhöhe gut 2,00 Meter. Zum Aufsitzen fallen sie zunächst auf die Knie und knicken dann mit den Hinterläufen ein. Jeder von uns sitzt auf einem eigenen Kamel – gepolstert mit Decken. Die Kamele tragen einen kleinen Stab durch die Nasenflügel, an dessen Enden das Führungsseil befestigt wird. Als der Kamelführer das Seil anbringt, stoßen die Kamele Laute aus, wie ich sie noch nie gehört habe: Ein tiefes, tragisches Röhren – mit dem unverkennbaren Unterton von Schmerzen. Ich sehe, dass die Kamele auf die geringste Bewegung des Seils reagieren und es – anders als bei Pferdezügeln – niemals voll gespannt ist.
Kamele Jaisalmer

Mir schwebten Bilder von in feine Stoffe gehüllten Nomaden im Kopf vor, die – nur eine Silhouette in einer endlosen Sandwüste vor der untergehenden Sonne – auf ihren edlen Tiere langsam über einen Dünenkamm quer durchs Blickfeld schreiten. Ich war vorgewarnt worden: Der Ritt auf dem Kamel weicht von dieser romantischen Vorstellung ab. Ein Tier wird vom Kamelführer geführt, während ein zweites Kamel an das erste angebunden ist. Geräuschvoll – wie ein laufendender Wasserhahn aus großer Höhe – pinkelt mein Reittier während des Laufens minutenlang. Nach knapp 1,5 Stunden erreichen wir unser Ziel. Ich kippe fast vornüber, als die Vorderläufe einknicken und das Tier auf seine Knie fällt. Ich bin froh von meinem Kamel absteigen zu können. Die schunkelnde Gehbewegung der auch als Wüstenschiffe bezeichneten Tiere und das weite Spreizen der Beine könnten kaum unbequemer sein. Ich hatte extra meine Trekkinghose angezogen, um das Scheuern an den groben Decken, auf denen ich gesessen hatte, zu minimieren.
Kamelschatten, Jaisalmer

Lange Beine, Kamel, ich (einziges Foto von mir mit Kamel)

Kurz vor Sonnenuntergang sind wir am Fuße einiger Sanddünen angekommen. Wir erklimmen die Dünen um den Sonnenuntergang zu sehen und das Hereinbrechen der Nacht abzuwarten. Der Eindruck inmitten der einsamen Wüste zu sein wird durch die Tatsache getrübt, dass in allen Himmelsrichtungen Windräder stehen und den bald zu sehenden Sternenhimmel um zahllose rote blinkende Sterne ergänzen.
Winderräder Jaisalmer Wüste Jaisalmer

Der Sand ist fein wie Puderzucker. Nicht wie an Nord- oder Ostsee, sondern fein gemahlen. Eine echte Gefahr für meine Spiegelreflexkamera! Den Sandstaub finde ich noch Tage später in den Taschen meines Rucksacks.

Über einem kleinem Lagerfeuer kochen die Kamelführer ein einfaches Abendessen: Dal Bhat. Reis mit Linsensuppe. Bereits nach einer Dreiviertelstunde nach Sonnenuntergang ist es stockfinster und der Sternenhimmel ist in seiner ganzen Pracht zu sehen. Der Vollmond, den ich am Vorabend beim Festival in Jodhpur noch bewundert habe, geht rot leuchtend am Horizont auf. Erst hier, wo es kein anderes Störlicht gibt, merke ich, wie hell der Mond sein kann. Von Milchstraße und den Myriaden von Punkten am Himmel ist bald nichts mehr zu erkennen – aber zumindest eine Sternschnuppe huscht über den beleuchteten Himmel. Wir bekommen ein paar Decken und legen uns unter dem freien Nachthimmel auf die Sanddüne zum Schlafen. Auch dieses Nachtlager liest sich spannender als es tatsächlich ist: Der Untergrund ist hart und die Luft kühlt nachts unangehm ab. Nach einer langen Nacht mit unruhigem Schlaf bringen uns die Kamele an den Ausgangspunkt zurück.
IMG_2884 IMG_2889 Kamele Jodhpur

In Jaisalmer haben Darpan und ich Gelegenheit zum Fort emporzusteigen und die sieben reiche verzierten Jaintempel innerhalb der Stadtmauern zu bewundern. Der Jainismus ist eine dem Hinduismus in einigen Punkten ähnliche Relgion, der heute aber weniger als 1% der Inder angehören. Nichtsdestotrotz gehören der Glaubensgemeinschaft viele einflussreiche Bürger, insbesondere Händler und Kaufleute an. Aus der Blütezeit des Jainismus stammen viele reich verzierte Tempelanlagen – einige der bedeutendsten Rajasthans. Der Respekt vor der Natur und jedem noch so kleinen Lebewesen ist eines der zentralen Gebote. Ich lese, dass Jainisten mit Mundschutz herumlaufen, um nicht versehentlich keine Fliegen oder anderes Getier zu verschlucken.
IMG_2913 Jaintempel, Jaisalmer-Fort Jaintempel, Jaisalmer-Fort Jaintempel, Jaisalmer-Fort

Leider bin ich nicht lang genug in Jaisalmer. Darpan und ich nehmen bereits am späten Nachmittag den Zug zurück nach Delhi. Im Zug Jaisalmer

Während Darpan nach einem langen Wochende wieder ins Büro gehen muss, steige ich nach fast 12 Stunden am nächsten Morgen in Jaipur um. Nächster Stop: Agra.

Liebesgrüße aus Udaipur

Nachdem ich den ersten Indien-Schock überwunden und mich in Pushkar von den Strapazen zweier Großstädte erholt habe, fühle ich mich bereit für neue Abenteuer.

In Pushkar habe ich abgesehen von kurzen Gesprächen keinen Anschluss an andere Reisende finden können. Solo zu reisen hat seine Vor- und Nachteile: Ich bin nur mir selbst verpflichtet und muss keine Kompromisse eingehen. Darüber hinaus genieße ich es durchaus, alleine zu sein. Andererseits suche ich auf meiner Reise Gesellschaft. Ich brauche sie insbesondere am Abend: Gemeinsam über das Erlebte sprechen, Reisempfehlungen bekommen (und weitergeben) und ggf. entscheiden gemeinsam zu reisen und neue Pläne schmieden. Ich muss schmunzeln, wenn ich daran denke, wie häufig sich abendliche Gespräche wortwörtlich um Gott und die Welt drehen. Ich bin wie viele andere Reisende – in Gegenden wie diesen vermutlich noch mehr als in Partyhochburgen wie Goa – auf der Suche. Ich kann selbst nicht sagen wonach eigentlich, aber Suchende scheinen anfällig für solche Gespräche zu sein.

Ich komme erst am späten Abend in Udaipur an und folge einer Unterkunftsempfehlung meines Stefan Loose Reiseführers. Mein Tuktukfahrer möchte mir die Unterkunft seines angeblichen Onkels zeigen: “The rooms are very good. And very cheap price!”. Und er würde bestimmt eine Provision bekommen, wenn ich dort absteige… aber das sagt er natürlich nicht. Ich verneine. Er hält doch dort an und ich bin zu müde, um einen Aufstand zu machen und schaue mir murrend die Unterkunft an. Am Ende beharre ich doch auf meiner Wahl.

Die gewählte Unterkunft scheint ziemlich verlassen und das Mehrbettzimmer mit 10 Betten ist leer. Ich hatte gehofft dort wie zuvor in Jaipur einfach Kontakt knüpfen zu können. Aber es ist spät, was schlecht für die Unterkunftssuche und noch schlechter fürs Preisverhandeln ist. Ich bleibe eine Nacht alleine im großen Dorm und ziehe am nächsten Morgen um.

“Recommended by Lonely Planet” ist ein Attribut, das an vielen Schildern von Hotels und Restaurants zu lesen ist. Das Vertrauen in die Empfehlungen der Backpacker-Bibel, wie die Reiseführer des Lonely Planet Verlags zynisch auch genannt werden, ist groß. Der Beiname rührt daher, dass manch Rucksackreisender blind und ohne zu hinterfragen den Routen- und Hotelempfehlungen dieses Reiseführers folgt. Leider führt die Erwähnung in den Reiseführern dazu, dass die Orte (ob nun Unterkunft oder Restaurant) ihre Ursprünglichkeit verlieren und dem vermeintlichen Segen des einfach zu verdienenenden Geldes verfallen. Unterkünfte werden ausgebaut um mehr Reisende unterbringen zu können, Essensangebote werden für kulinarisch unflexibles Westpublikum um “International Cuisine” ergänzt. Auf Dauer geht mit dieser Entwicklung der Charme, der einsts zur Empfehlung geführt hat, verloren und damit auch die Popularität unter Reisenden.

Statt den ausgesuchten Empfehlungen in gedruckten (und damit schnell veralteten) Reiseführern zu folgen, nutze ich das Bewertungsportal Tripadvisor. Es wird nicht nur genutzt um Hotels sondern auch Restaurants, Veranstalter, Attraktionen oder generell Sehenswürdigkeiten zu bewerten. An vielen Türen prangt das Logo und lädt dazu ein, die Bewertungen früherer Besucher zu lesen und selber eine Bewertung abzugeben. Häufig findet sich sogar ein gerahmtes Zertifikat von Tripadvisor an der Wand, wenn die Bewertungen entsprechend gut ausfallen.

Ich lande am nächsten Morgen im Udai Haveli Guest House. Bereits beim Frühstück lerne ich Maxence (aus Frankreich) und Naoual (aus Marokko) kennen, die beide in Frankreich studieren und wegen eines Studienaufenthalts in Indien sind. Aber anstatt in der Vorlesung irgendwo in der Nähe Kalkuttas zu sitzen, reisen sie für einige Wochen umher.
Maxence & Naoual in Udaipur

Maxence & Naoual am Monsunpalast, Udaipur

Udaipurs Altstadt ist um mehrere künstliche Seen angelegt, die zusammen mit den umliegenden Höhenzügen eine traumhafte Kulisse bieten. Traumhaft genug für den internationalen Film: An jeder zweiten Ecke werden die allabendlichen Vorführungen des James Bond Films Octopussy beworben (Erscheinungsjahr: 1983 – mit Roger Moore als James Bond), der unter anderem hier gedreht wurde. Udaipur gilt als eine der romantischsten Städte Indien, weswegen frisch Vermählte gerne ihre Hochzeitsreise hier verbringen. Problemslos kann man viele Tausend Euro für eine Suite im exklusiven Lake Palace ausgeben, das internationale Stars anzieht. Ich wohne weniger glamurös und zahle 300 Rupien – also knapp 4 Euro für meines.
Lake Palace (heute ein Nobelhotel)

Lake Palace (heute ein nobles Hotel) – hier wurde auch James Bond gedreht
Grafitti am Flussufer

Grafitti am Flussufer – ob es die Krake auf die Frau mit Besen abgesehen hat?

Neben den Inseln im See dominiert der Stadtpalast die Szenerie. Udaipur wurde erst im 16. Jahrhundert gegründet und war Hauptstaat des Staates Mewar, da die vorherige Hauptstaat Chittaurgarh durch die Mogulherrscher zunächst belagert und schließlich von diesen eingenommen wurde. Heute ist der Stadtpalast Museum und Luxushotel.
Stadtpalast in Udaipur

Stadtpalast in Udaipur

Zu dritt beginnen wir die Stadt zu erkunden. Um den Pichola-See, in dem auch der Lake Palace liegt, liegen die verwinkelten, teils steilen Gassen der Altstadt. Zentral liegt der reich verzierte Jagdish-Tempel, der Jagannath (einer Erscheinungsform Vishnus – einem der drei Hauptgötter) geweiht ist. Details wie diese muss ich zugegebenermaßen nachträglich in meinem Reiseführer nachschlagen. Ich habe mir über die Wochen zwar einiges Wissen aneignen können, aber die Religion und Götterwelt des Hinduismus sind so vielfältig und unterschiedlich, dass ich nur staunen, aber wenig verstehen kann. Der ca. 300 Jahre alte Tempel ist über und über mit Figuren, Elefanten und Mustern versehen. Im Inneren singen Frauen zum rythmischen Trommelschlag. Wir setzen uns einige Minuten.

Jagdish-Tempel, Udaipur
Jagdish-Tempel, Udaipur

Jagdish-Tempel, Udaipur

Etwas außerhalb der Stadt steht auf einem Berg der mehrstöckige, dennoch unvollendete Monsunpalast (Sajjangarh). Während des Baus Ende des 19. Jahrhunderts stellte sich heraus, dass man kein Wasser so hoch würde pumpen können, sodass der Bau nicht fertiggestellt wurde. Erstaunlicherweise wurde er nachträglich nicht kommerzialisiert. Heute bietet er nach Osten einen tollen Blick auf Udaipur und zur anderen Seite einen Blick in die grünen Hügel und Berge der Umgebung. Der Palast liegt in einem kleinen Naturschutzreservat und Maxence, Naoual und ich laufen eine Stunde zu Fuß hinauf anstatt ein Taxi zu nehmen.
Monsunpalast (Sajjangarh), Udaipur

Monsunpalast (Sajjangarh), Udaipur
Blick in die Berge beim Aufstieg zum Monsunpalast

Blick in die Berge beim Aufstieg zum Monsunpalast

Wir erreichen den Palast kurz vor Sonnenuntergang. Obgleich es sich nicht um den offiziellen Sunset-Point handelt, ist die Aussicht großartig.
Blick auf Udaipur

Blick auf Udaipur mit Stadtpalast und Lake Palace
der unvollendete und nie genutzte Monsunpalast, Udaipur

der unvollendete und nie genutzte Monsunpalast, Udaipur
Blick aus dem Turm des Monsunpalasts

Blick aus dem Turm des Monsunpalasts. Für die eigene Sicherheit sorgt jeder selbst. Das “Geländer” ist ca. 40cm hoch.

Sonnenuntergang am Monsunpalast

In Pushkar, wo ich mich zuletzt aufgehalten hatte, war kein Alkohol oder Fleisch zu bekommen. In Rajasthan sind Fleischgerichte (Hühnchen, Lamm, Schwein – Rind sowieso nicht!) auf den Speisekarten eher die Ausnahme. Auch Alkohol steht selten auf der Karte. Es ist aber meistens unter der Hand zu bekommen. Ich bestelle abends heißhungrig Chicken Korma. Ein fettiges indisches Currygericht mit Kokusnussmilch und Käse.

Nachts hänge ich über der Kloschüssel. Durstig trinke ich Wasser, aber auch das will mein Magen nicht vertragen. Am Morgen bin ich besonnener: Ich mische das Elektrolytpulver, das ich mitgenommen habe, in das Wasser in meiner Plastikflasche. Obwohl ich mich schwach fühle und durstig bin, trinke ich den Vormittag über löffelweise von der Mischung. Bereits am Nachmittag ist das Schlimmste vorüber. Von Fleisch nehme ich in Indien fortan Abstand. Ich hatte meine Reiseapotheke mit diversen Pillen gegen Durchfall ausgestattet, es bleibt aber zum Glück mein einziger Zwischenfall.

Obwohl ich von der Nacht und dem Flüssigkeitsverlust geschwächt bin, unternehmen wir zu dritt eine Bootsfahrt auf dem Pichola-See. Dieser liegt zu Füßen des Stadtpalasts. Wir besteigen ein Boot zur kleinen Insel Jag Mandir. Wie in Pushkar wird das Ufer des Sees von Treppen gesäumt. Es wird rege gebadet und gewaschen.
Ghats am Pichola-See, Udaipur

Ghats am Pichola-See, Udaipur

Um sich zu waschen steigen Frauen im Gegensatz zu Männern in kompletter Kleidung ins Wasser. Aufreizend oder leicht bekleidet sehe ich keine einzige Frau.

Pichola-See, Udaipur

Die kleine Insel hat nicht viel zu bieten, aber wir ruhen uns angesichts der heißen Mittagssonne auf einer großen angenehm kühlen Mamorplatte aus.

An anderer Stelle hatte einer der Maharana (so hießen die Herrscher des Staates Mewar) zur Belustigung des Hofstaats einen Brunnengarten angelegt. Bei unserem Besuch wandeln dort mehr Inder als Ausländer zur Erholung.
im „Garten der Ehrendamen“, Udaipur

im “Garten der Ehrendamen”, Udaipur

Es bleibt bei der kurzen Begegnung mit Maxence und Naoual, die am Abend weiterreisen.

Das Udai Haveli Guesthouse verfügt über kein “Roof-top” Restaurant, sondern einen Gemeinschaftsbereich mit einem großen Tisch. Hier sind Begegnungen unvermeidbar. Es sind womöglich mehr Paare als Solo-Reisende in Indien unterwegs, aber es sind eher allein Reisende wie ich, die mit Menschen vor Ort und anderen Reisenden Kontakte knüpfen.

An meinem vorletzten Tag in Udaipur besuche ich mit Stephan, einem Italiener, der auf seinen Reisen kulinarische Inspirationen für sein Start-Up sucht, den Stadtpalast Udaipurs. Am Eingang werden wir – wie üblich bei solchen Touristenmagneten – von vielen Guides angesprochen.

– You need a guide? Where are you from?
– Germany
– Ich bin der einzige Deutsch sprechende Guide hier!
– Thank you, we will take the Audio Guide.
– Der Audio Guide ist scheiße! Ich gebe die beste Tour hier.

Zugegebenermaßen stellt sich der Audio Guide als mäßig heraus. Außerdem entscheide ich mich gegen das Fotografieren, wofür ich sonst 300 Rupien (ca. 4 EUR) extra zahlen müsste. So kann aus einem Eintrittspreis von ca. 4 EUR mit Audio Guide und Foto-Erlaubnis schnell ein Ticketpreis von 12 EUR werden.

Wir schließen uns am Abend mit zwei weiteren Bewohnern unserer Unterkunft zusammen. Gemeinsam nehmen wir ein Tuktuk zum offiziellen Sunset-Point der Stadt. In der betagten Seilbahn nehmen wir für einen Aufpreis eine der drei Gondeln gemeinsam und müssen nicht anstehen. Der Einweiser trägt seine abgetragene und etwas zu kleine Uniform mit Würde und freut sich über unseren Besuch. Während die Inder mit günstigeren Tickets in einer langen Schlange warten und den Sonnenuntergang verpassen, schweben wir gerade pünktlich zum Aussichtspunkt auf der sich über den Hügel schlängelnden Stadtmauer.

Seilbahn, Udaipur Blick vom Aussichtspunkt, Udaipur

Sonnenuntergang, Udaipur

Am nächsten Abend nehmen Stephan und ich den Nachtbus ins nördlich gelegene Jodhpur. Die beiden Städte werden durch einen Höhenzug getrennt, sodass es keine direkte Bahnverbindung gibt. Der Bus stellt mit ca. 6 Stunden Fahrzeit die schnellste Verbindung dar.

Es ist ein klimatisierter Sleeper-Bus mit Schlafkabinen auf zwei Ebenen links und rechts des Mittelgangs. Die Liegefläche ist gerade lang genug für mich. Die Kabine hat Vorhänge zum Fenster und zum Gang. Ich fühle mich zurück in meine Kindheit versetzt, in der ich mit Decken eine gemütliche Höhle zwischen zwei Stühlen entstehen ließ.

Das Gefühl der Gemütlichkeit hält nicht lange an: Bei der Straße handelt es sich um eine Mountain Road. Der Bus fährt ununterbrochen durch Schlaglöcher und Serpentinen-Kurven. Das heftige Rütteln und ständige Ent- und Beschleunigen lassen mich in meiner Kabine umherhüpfen. Ich habe Hemmungen aus meiner Wasserflasche zu trinken, da ich durch ein unerwartetes Schlagloch entweder den Flascheninhalt über mir verteilen oder mir die Zähne ausschlagen könnte. Irgendwann schlafe ich dennoch ein. Wir werden geweckt und müssen zügig den Bus verlassen, der kaum vollständig hält, um dann direkt weiterzufahren.

Es ist vier Uhr früh. Der Bus hat uns mitten auf einer Straßenkreuzung außerhalb Jodhpurs abgesetzt. Stille. Kein Verkehr. Tuktuks warten bereits und preschen aus der Dunkelheit heran, um uns in die Stadt zu bringen. Es ist ziemlich warm und während der Fahrt sehe ich erstmals viele Menschen auf dem Bordstein der breiten Asphaltstraße schlafen. Manche haben eine Plane zwischen angrenzenden Mauern und Boden gespannt oder Bretter schräg angelehnt unter denen Füße und Köpfe hervorragen. Die Straßen, die bereits in wenigen Stunden volle Menschen und Fahrzeuge sein werden, wirken im fahlen Scheinwerferlicht wie ausgestorben. Selbst die Kühe und Hunde liegen überall zusammengerollt. Die Straßen steigen zur Stadtmitte hin an. Bald werden sie zu engen Gassen und wir müssen die letzten paar hundert Meter laufen. Unser Fahrer weist uns den Weg und hämmert gegen die Tür des Cosy Guesthouse. Schläfrig öffnet ein junger Inder die Tür. Stephan und ich teilen uns ein Zimmer und fallen um halb fünf Uhr früh in unsere Betten.

Die beste Art zu reisen

Mein nächstes Ziel ist Udaipur im Süden Rajasthans.

Ich fahre erneut Zug: Klasse 2S (second sitting) – billigste Klasse. Hier fährt das Volk. Das Ticket für die knapp sechsstündige Fahrt kostet 1,50 EUR und kann im Gegensatz zu den Tickets höherer Klassen im Zug gekauft werden. Ich reserviere aber vorher und zahle nochmal 1,20 EUR für den Agenten, da ich das Ticket nicht am Bahnhof kaufe. Das Ticket kommt per SMS aufs Handy. Im Endeffekt brauche ich bei Reservierung sowieso keines. An jedem Zugwaggon hängt außen eine Liste mit dem Namen, Geschlecht, Alter, Zustiegsort, Zielort und der Sitznummer jedes Passagiers, der reserviert hat. Ich frage mich, ob es in Indien eine Datenschutzdebatte angesichts solcher Passagierlisten gibt.
Ramponierte Passagierliste außen am Zugwaggon

Ramponierte Passagierliste außen am Zugwaggon

Der Schaffner geht mit einer weniger ledierten Liste durchs Abteil, fragt nach Ausweis/Pass und hakt die Namen ab. Da mein Name auf der Liste und mein Gesicht offensichtlich ausländisch sind, muss ich nur selten den Pass vorzeigen. Ist der Schaffner faul, gleicht er einfach die Anzahl der Reservierungen mit der Anzahl der Fahrgäste im Waggon ab.

Entgegen aller Vorurteile sitzt bei den Waggons dieser Volksklasse niemand auf dem Dach des fahrenden Zuges oder hängt von außen an den Türen angesichts eines überfüllten Innenraums. Ich muss auch nicht mit Hühnern und Ziegen um einen Sitzplatz streiten. Zumindest habe ich solche Verhältnisse auf meinen Streckenabschnitten nicht gesehen. Es mag allerdings bei Regionalzügen der Fall sein. Die gepolsterten Sitzbänke sind aber zugegebenermaßen nicht sonderlich komfortabel. An der Decke hängen Ventilatoren und die vergitterten Fenster können komplett geöffnet werden. Ungewöhnlich: Alle Zugtüren stehen offen und ich kann nach Lust und Laune an der Tür stehen und den Kopf raushalten. Dies ist mein Lieblingsplatz: Nervenkitzel, Fahrtwind, bester Ausblick. Angeblich führen die unverschlossenen Türen regelmäßig dazu, dass Passagiere die Notbremse ziehen um den Zug auf freier Strecke anzuhalten, aus dem Zug zu springen und so den Weg nach Hause zu verkürzen.
Blick aus der Zugtür der First Class (FC ohne AC)

Blick aus der Zugtür der First Class (FC ohne AC)

Neben Second Sitting 2S gibt es regelmäßig sechs weitere Klassen bei den Indian Railways. Erste, zweite und dritte Klasse mit Klimaanlage (1A, 2A, 3A), First Class ohne Klimaanlage (FC) und Sleeper Class ohne Klimaanlage (SL). Diese Klassen verfügen alle über bis zu sechs Liegen in einem Abteil. Tagsüber sitzt man auf den unteren beiden Liegen. Nachts werden die beiden darüber hängenden Liegen von der Wand geklappt und man kann zu sechst in einem Abteil schlafen. Zusätzlich gibt es bei Tagfahrten noch die klimatisierte Chair Car Klasse (CC), die aus bequemeren einzelnen Sitzen wie im Flugzeug mit Klapptischen besteht. Das Preisspektrum ist groß, obgleich für unsere Verhältnisse sehr billig. Der selbe Zug den ich nach Udaipur nehme verfügt auch über Waggons der Klassen CC (Ticketpreis: 4,50 EUR) und FC (Ticketpreis: 8 EUR).

Die Überzahl an Klassen, die zum Schlafen geeignet sind, kommt nicht von ungefähr. Die Strecken in dem Land sind riesig und angesichts vieler Haltestellen, notwendiger Wartestopps für überholende Züge und Verspätungungen braucht man für 300km Gleisstrecke gut und gerne 6 Stunden.

Aber das in Zeiten der britischen Kolonialherrschaft aufgebaute und mittlerweile weit verzweigte Streckennetz bietet (im Vergleich zum Bus oder Auto) eine relativ schnelle, komfortable und vor allem sichere Verbindung zwischen den Städten. Manche Züge durchqueren bei einer mehrtägigen Fahrt gar das ganze Land.

Zum Glück habe ich Zeit und störe mich nicht an dem langsamen und regelmäßig verspäteten Verkehrsmittel. Es gibt Steckdosen, es werden regelmäßig Chai (Tee mit Milch), Wasser und Snacks angeboten und ich komme häufig ins Gespräch mit anderen Reisenden. Wenn ich in den Zug steige, lasse ich meine Sorgen hinter mir und mache mich auf zu neuen aufregenden Orten.

Solange es nicht dunkel ist, bietet sich der Blick nach draußen an. Auffällig ist der Müll entlang der Bahntrasse. Die meisten Passagiere schmeißen Verpackungen und anderen Müll aus dem offenen Zugfenster. Papierkörbe gibt es keine. Ich habe Hemmungen den Müll aus dem Fenster zu werfen, weiß aber auch nicht wohin damit, wenn ich den Müll nicht einstecken kann/möchte.Bei einer späteren Zugfahrt fallen mir Knochen und einige halb verweste Kuhkadaver neben der Strecke auf. Angesichts der vielen herrenlosen Kühe und umherziehenden Kuhherden werden Tiere häufig vom Zug erfasst. Insbesondere wenn die Gleise unerhöht in der platten Landschaft liegen und angrenzendes, abgezäuntes Land die Tiere nahe an die Gleise heranführt.

Ein Problem stellt die regelmäßige Ausbuchung oder Überbuchung (mit Warteliste) der Züge dar. Insbesondere in der aktuellen Zeit der Festivals nehmen viele Inder den Zug und ich muss die Tickets bereits Tage vorher buchen um einen Platz zu ergattern. Das macht mich dann doch weniger flexibel als mir eigentlich lieb ist. Wenigstens lassen sich die Buchungssituation, Preise, verfügbare Züge und Klassen im Internet oder iPhone-App nachschlagen. Fortschrittliches Indien!

In Indien nehme ich achtmal den Zug und fahre insgesamt über 60 Stunden Zug – meistens über Nacht.
Ich kann in der Regel gut schlafen, obwohl es sowohl bei offenem Fenster als auch bei Klassen mit Klimaanlage nachts ziemlich kalt werden kann. In der Sleeper Class wird kein Bettzeug gestellt und ich bin froh wenigstens mein dünnes Schlafsack-Inlet zu haben. An das fast durchgehend lärmende Signalhorn – bei jedem Bahnübergang mehrmals – gewöhne ich mich auch. Die hygienischen Verhältnisse in den Hocktoiletten, die den Blick aufs Gleisbett eröffnen, sind da schon von einem anderen Kaliber.

Bei einem Umsteige-Aufenthalt am Bahnhof in Jaipur morgens um 5 Uhr gehe ich in den Wartesaal. Es gibt nur wenige Sitzmöglichkeiten und die vielen Menschen sitzen auf Folien auf dem Boden. Bei genauem Hinschauen handelt es sich um Abschnitte von Folienrollen mit Produktverpackungsfolien, wie sie die Industrie einsetzt. Ein junger Inder lädt mich ein auf seiner Folie Platz zu nehmen: Barilla Pasta. Er erzählt mir, dass sein Zug um 8 Uhr abfährt. Allerdings erst am nächsten Tag! Das Ticket berechtigt ihn zur Nutzung des Warteraums und so spart er sich für eine Unterkunft zahlen zu müssen. Nachdem wir zwei Stunden zusammen gesessen haben, zeigt er mir den richtigen Bahnsteig und wir verlinken uns auf Facebook. Erinnerungsfoto inklusive.
Erinnerungsbild mit Dhaval Tabiyad am Bahnhof Jaipur

Erinnerungsbild mit Dhaval Tabiyad am Bahnhof Jaipur

Ich freue mich schon auf meine nächste Zugfahrt.

Pushkar – Pilgersee und Kleinstadtidylle

Pushkar ist eine wichtige Pilgerstädte für Hindus. Der Überlieferung nach hat Brahma (der Schöpfer unter den drei Hauptgöttern) den See geschaffen, als er eine Lotusblüte fallen ließ. Obwohl Brahma ein sehr wichtiger Gott ist, sind ihm nur wenige Tempel geweiht. Der wichtigste Brahma-Tempel steht in Pushkar. Um den zentralen See sind 52 Treppen (Ghats) angeordnet, die zu dem flachen Wasser hinabführen. Hindus pilgern nach Pushkar, um an dem See zu beten, Rosenblätter auszustreuen und Spenden zu leisten. Pushkar ist außerdem für den jährlich stattfindenden weltgrößten Kamelmarkt berühmt, zu dem hunderttausende (!) Besucher und zehntausende Kamele in Pushkar zusammenkommen. Leider findet der Kamelmarkt erst einen Monat nach meinem Besuch statt.

Ghats am Pushkar-See
Opfergaben am Pushkar-See

Ich erreiche die Kleinstadt Pushkar, die am Rande der Thar-Wüste liegt, nach einer gut zweistündigen Busfahrt von Jaipur aus. Nach den unübersichtlichen Millionenstädten New Delhi und Jaipur ist die Kleinstadt eine willkommene Abwechslung. Die Gassen sind zu eng für Tuktuks, müssen aber mit umso mehr Kühen, Motor- und Fahrrädern geteilt werden. Obwohl einige der Tiere Besitzer haben, sind sie nur selten angeleint. Die meisten der heiligen Tiere sind allerdings frei und ernähren sich wie die unzähligen Hunde, Katzen, Ratten, Vögel, etc. von dem Müll, den die Menschen einfach auf die Straße schmeissen. Die einzigen Mülleimer, die ich in Indien unter freiem Himmel sehe, sind nahe der populären Sehenswürdigkeiten zu finden.

Kühe in Pushkar
Ich komme bei strömendem Regen an. Der Bus hält an einer kleinen Kreuzung und ich werde von einem Inder auf einem Roller in das Hotel Everest gebracht. Das Hotel hat ein Flachdach mit Rooftop-Restaurant wie die meisten Unterkünfte, in denen ich in Indien unterkomme. Ich treffe im selben Hotel eine Familie aus Deutschland wieder, die mir eine Woche vorher im selben Flugzeug aus München aufgefallen waren. Ich treffe in den folgenden Wochen zufällig immer wieder auf Reisende, die ich vorher an anderen Orten getroffen habe. Viele Reisende haben eine ähnliche Route wie ich und weil die meisten den gleichen Empfehlungen der (Online-)Reiseführer folgen, ist ein Wiedersehen sehr wahrscheinlich.

Am nächsten Vormittag miete ich mir einen Roller. Auf dem Weg zum Rollerverleih spricht mich ein 15-jähriger Junge an. Natu spricht ausgesprochen gut Englisch und macht einen sehr erwachsenen Eindruck für sein Alter. Er fragt mich, woher ich komme und wir geraten in ein Gespräch. Er kann auch einige Sätze Deutsch. Er bietet mir an, mir die nähere Umgebung zu zeigen. Ich bin alleine unterwegs, kenne mich in der Gegend nicht aus und bin Gesellschaft nicht abgeneigt. Ich frage Natu, wieviel Geld er fürs Umherführen haben möchte. Er wolle nicht bezahlt werden, schließlich habe er ohnehin nichts zu tun und freue sich über meine Gesellschaft.

Also fahren wir gemeinsam aus der Stadt heraus. Wir fahren zu einem nahe gelegenen Tempel, in dem ein Sadu lebt, der sich (angeblich) nur von Kartoffeln ernährt (und viel Gras raucht). Ich genieße die Fahrt auf dem Roller durch die umliegenden Dörfer und über Feldwege. Viele Kinder winken und grüßen, wenn wir an ihnen vorbeifahren. Wir schlagen einen großen Bogen und wo es sehr unwegsam wird, fährt Natu, während ich hinten auf dem Roller sitze. Warum nicht?! Gegen Ende der Tour fahren wir zu einer Ansammlung einfacher Zelte. Natu erzählt mir, dass er hier mit seiner Familie lebt. Er zeigt mir auf seinem alten Handy die deutschen und franzönsischen Handynummern von Freunden, die ihm und seiner Familie vor einigen Jahren mit einem Geldgeschenk den Kauf des aktuellen Zeltes ermöglicht hätten. Es müsse allerdings erneuert werden. Er bräuchte 6000 Rupien (ca. 75 EUR) für den Kauf sagt er mir. Zunächst bin ich von seiner Geschichte berührt. Je näher wir Pushkar kommen, desto häufiger kommt er auf die Notwendigkeit eines neuen Zeltes zu sprechen. Wir essen noch gemeinsam (ich lade ihn ein). Nach ca. vier Stunden gebe ich ihm überdurchschnittliche 500 Rupien. Das ist der Betrag, den ich anderswo einem Tuktuk-Fahrer zahle, wenn er mir acht Stunden mit seinem Tuktuk zur Verfügung steht und mich hinfährt wohin ich möchte! Meine Enttäuschung ist groß angesichts des erneuten Versuches mir mit einer Mitleidsstory Geld aus der Tasche zu ziehen. Hätte er nicht mehrmals nach dem völlig überhöhten Betrag von 6000 Rupien gefragt, hätte ich ihm freiwillig vermutlich mehr als die finalen 500 Rupien gegeben.
Natu, Baba und ich in Pushkar

Natu, Baba und ich in Pushkar

Nachmittags unternehme ich eine Wanderung auf den hoch über der Stadt liegenden Savitri-Tempel in der Nachmittagshitze. Der steile Aufstieg ist sehr anstregend. Hinter dem Tempel erstreckt sich ein Bergkamm auf dem eine Straße gebaut wird. Ich überhole einen Inder, der seine Esel mit Baumaterial die Treppenstufen hinauftreibt. In ländlichen Gegenden sehe ich häufig Esel, die als Lastentiere eingesetzt werden. Der tolle Blick hinab auf Pushkar mit seinem zentralen See entschädigt für den anstrengenden Aufstieg. Als ich wieder unten bin, hält das Auto einer indischen Familie neben mir. Sie hatten den Abstieg vor mir angetreten und bieten mir an, mich das kurze Stück zurück in die Stadt mitzunehmen. Nach den erlebten Pleiten und dem erneuten Versuch, mir Geld aus der Tasche zu ziehen, freue ich mich sehr über die freundliche uneigennützige Geste.
Savitri-Tempel über Pushkar

Savitri-Tempel über Pushkar

Aufstieg zum Savitri-Tempel, Pushkar
Aufstieg von Eseln zum Savitri-Tempel, Pushkar

Aufstieg von Eseln zum Savitri-Tempel, Pushkar
Blick auf den heiligen Pushkar-See

Blick auf den heiligen Pushkar-See

Am Sonntagabend erlebe ich das Ende des Navratri-Festivals in Pushkar. Der zehnte Tag des Festivals trägt den Namen Dussehra. In den Monaten Oktober/November finden überall in Indien viele Festivals statt. Das populärste Festival ist Diwali Anfang November. Ich weiß nicht genau worum es geht, aber es ist ein großes Spektakel: Auf dem Mela-Ground (einer kleinen Arena, in der zum Kamelmarkt auch Rennen stattfinden), kommen alle Menschen zusammen und der Sieg von Lord Rama über Ravana wird zelebriert. Der Feuerschlucker steht für Lord Rama und setzt unter Jubel der Zuschauer am Ende die große Statue des Ravana in Flammen.

Lord Rama als Feuerschlucker, Pushkar Ravana-Figur auf dem Mela Ground, Pushkar Ravana-Figur auf dem Mela Ground, Pushkar

Am Morgen des dritten Tags nehme ich den Bus ins nahegelegende Ajmer, um nachmittags von dort den Zug nach Udaipur zu nehmen.

Ajmer, das nur 15km von Pushkar entfernt liegt, ist ein wichtiger Wallfahrtsort für Muslime. Das Grabmal einen berühmten Sufi-Heiligen liegt inmitten der Stadt. Die wenigsten Reisenden scheinen sich in Ajmer aufzuhalten. In den sechs Stunden, die ich mich in Ajmer aufhalte, begegne ich nur einem hellhäutigen Ausländer. Hindus sind größtenteils Vegetarier und in den meisten Restaurants wird gar kein Fleisch angeboten. Entsprechend groß ist meine Freude, dass ich im muslimisch geprägten Ajmer ausgezeichnetes geröstetes Hähnchen bekomme. Kommunikation funktioniert hier durch Fingerzeig, da es kein englisches Menü gibt.

Jaipur – die rosarote Stadt

Für meinen ersten Reiseabschnitt habe ich eine Rundreise durch Indiens größten Bundesstaat Rajasthan geplant. Er hat ungefähr die Fläche Deutschlands und grenzt im Westen an Pakistan. Die Landschaft ist karg und geht im Westen in die Tharwüste über.

Mein erstes Ziel ist Jaipur, die Hauptstadt des Bundesstaates Rajasthan. Neu Delhi, Agra – wo das Taj Mahal steht – und Jaipur bilden das Goldene Dreieck. Diese drei Städte werden angesichts der geographischen Nähe zueinander gerne von Touristen bereist.

Mit dem Zug erreiche ich Jaipur in vier Stunden. Ich fahre in der Klasse 3AC (dritte Klasse mit Air Conditioning = Klimaanlage). In der Zugklasse ist das Reisen tagsüber und nachts gut auszuhalten. Das Ticket kostet 370 Rupien (ca. 4,50 EUR). Ich sitze am Fenster und blicke in die Landschaft. Es gibt Steckdosen und ständig laufen Männer durch den Zug, die Wasser, Tee und Kleinigkeiten zu Essen anbieten.

Jaipur hat den Beinamen “rosarote Stadt”, da die Häuser in der von Mauern umgebenen Innenstadt größtenteils rosarot angestrichen sind. Solche Beinamen sind vor allem gut fürs Marketing. Ich komme in einem Mehrbettzimmer (Dorm) mit fünf Betten unter, was in Indien eine Seltenheit ist. Es gibt Schließfächer, die groß genug sind um den gesamten Rucksack einzuschließen. Den Verzicht auf Privatssphäre nehme ich gerne in Kauf, da es in Mehrbettzimmern ein Leichtes ist andere Reisende kennenzulernen. Ich erkunde den Rest des Tages mit Jean-Olivier – einem Kanadier aus dem französischsprachigen Quebéc, der fast am Ende seiner einjährigen Reise ist – die Stadt. Wir machen uns zu Fuß auf den Weg zu der über der Stadt liegenden Tigerfestung Nahargarh, die einen Blick wie aus der Vogelperspektive in die engen gewundenen Gassen der Stadt bietet. Wir müssen eine gewundene steile Gasse emporsteigen, auf der uns Ziegen- und Kuhherden entgegenkommen. Kurz vor Sonnenuntergang schallt der Singsang von den Moscheen über die Stadt. Wir genießen ein Kingfisher-Bier auf den Zinnen der Festungsmauer sitzend und warten das Hereinbrechen der Nacht ab. Die Sonne geht gegen 18:00 Uhr unter und die Dämmerungsphasen sind in diesen südlichen Breiten kurz, sodass bereits 45-60 Minuten später Dunkelheit herrscht.

Stadtpalast (Vordergrund) und Tigerfestung (Nahargarh), Jaipur
gewundener Weg zur Tigerfestung (Nahargarh), Jaipur

gewundener Weg zur Tigerfestung (Nahargarh), Jaipur
Blick auf Jaipur von der Tigerfestung (Nahargarh)

Blick auf Jaipur von der Tigerfestung (Nahargarh)

Wie in vielen Städten Rajasthans wird Jaipur von Palästen, Festungen und Mauerzügen übertrohnt. Wir besichtigen die Festung im nördlich liegenden Amber. Anders als in Burgen und Schlössern in Europa sind die Innenräume selten restauriert und im originalen Stile eingerichtet. Die Festungen sind dennoch überwältigend und die Architektur unter Verwendung von Marmor, Sandstein, Schmucksteinintarsien, Spiegeln, etc. ohne Vergleich in Europa. Angesichts der ständigen Hitze sind die Paläste offen und luftig gestaltet. Vor allem kunstvoll sind überall aufwendig gestaltete Marmorgitter zu finden, die das Sonnenlicht brechen, den Wind durchlassen, das Herausschauen erlauben, aber vor neugiergen Blicken von außen schützen.
Festung Amber

Festung AmberMauerzüge der Amber Festung
Spiegelmosaike im Amber Fort

Spiegelmosaike im Amber Fort
Marmorreliefs am Royal Gaitor (Gatore Ki Chhatriyan) – detailreich wie Gemälde, aber wetterfest!

Marmorreliefs am Royal Gaitor (Gatore Ki Chhatriyan) – detailreich wie Gemälde, aber wetterfest!

Der Palast der Winde (Hawa Mahal) ist das Wahrzeichen Jaipurs. Es sollte den Hofdamen den Blick auf das Treiben auf den Straßen erlauben, ohne dass sie selbst gesehen werden. Es ist daher mit hunderten kleiner vergitterter Fenster ausgestattet. Nachdem ich wieder von diversen Indern gebeten werde, mit ihnen ein Fotos zu machen (wohlgemerkt für ihre, nicht meine Bilderkollektion), möchte auch ich ein Foto für meine Erinnerung. Das fehlende Lächeln ist normal.

Hawa Mahal (Palast der Winde), Jaipur Blick aus dem Hawa Mahal (Palast der Winde), Jaipur
Gruppenfoto mit Indern im Hawa Mahal (Palast der Winde), Jaipur

Gruppenfoto mit fröhlichen Indern im Hawa Mahal (Palast der Winde), Jaipur

In Jaipur lerne ich ein weiteres Marketing-Erfolgskonzept kennen: Den Sunset-Point. In jeder Stadt trägt meistens nur ein bestimmter Ort diesen Namen, von dem aus ich einen atemberaubenden Sonnenuntergang erleben können soll. Auch wenn der jeweilige Ort einen anderen/richtigen Namen trägt, so ist er als “Sunset-Point” eindeutig definiert. Ich wage zu behaupten, dass dieser Ort von lokalen Taxi- bzw. Tuktukfahrern als solcher festgelegt wird, die einen gegen ein auszuhandelndes Entgelt gerne dorthinfahren. Jeden Tuktukfahrer, den ich tagsüber zum Zurücklegen längerer Strecken in Anspruch nehme, bietet mir an, mich vor Sonnenuntergang rechtzeitig von meiner Unterkunft abzuholen. Ergänzend gibt es meistens einen weniger populären Sunrise-Point. Die geringe Popularität ist angesichts der Notwendigkeit sehr früh aufzustehen gut nachvollziehbar.
In Jaipur ist der Sunset-Point der Tempel von Galta. Er ist auch als Affenpalast bekannt, angesichts der Vielzahl von Makaken-Affen, die dort anzutreffen sind. Da sich das Sunset-Point-Konzept gut verkauft, kann man auf dem Weg dorthin Erdnüsse kaufen, die man an die Affen verfüttert. Die Überzahl der Affen ist mir etwas unheimlich. Die Affen werden sehr aufdringlich, als ich die Erdnüsse nicht sofort rausrücke. Eine zweite Tüte, die ich in die Außentasche meines Tagesrucksacks stopfe, verliere ich an einen Affen der mich furchtlos von hinten anspringt.
Affen am Sunset-Point, Jaipur

Affen am Sunset-Point, Jaipur

In wassergefüllten Tonnen badende Makaken-Affen am Sunset-Point, Jaipur

In wassergefüllten Tonnen badende Makaken-Affen am Sunset-Point, Jaipur

Jean-Olivier hat am Ende seiner einjährigen Australien- und Asienreise ein straffes Programm in Indien und verlässt Jaipur bereits nach einer Übernachtung. Ich bleibe zwei Nächte bevor ich den Bus weiter in den Pilgerort Pushkar nehme.

Erinnerungen an Neu Delhi

Ich schreibe diesen Beitrag drei Wochen nachdem ich Neu Delhi verlassen habe. Ich glaube, mir geht es wie vielen anderen Reisenden, die in Indiens Hauptstadt ihre ersten Erfahrungen mit diesem Land sammeln: das abschließende Urteil fällt eher negativ aus.

Neu Delhi ist riesig, unübersichtlich, laut, dreckig und voll (Menschen, Tuktuks, Fahrradrikschas, Tiere). Ich werde ständig angesprochen und man versucht mich bei jeder Gelegenheit (Taxifahren, Lebensmittel kaufen, Sehenswürdigkeiten besichtigen) über’s Ohr zu hauen. Wie ich in den folgenden Wochen erfahre, unterscheidet sich Neu Delhi damit nicht von anderen indischen Großstädten. Ich bin schlichtweg völlig unerfahren und überfordert.

Mein erster Tag endet unspektakulär. Ich finde im Stadtteil Paharganj eine einfache Unterkunft und erkunde die nähere Umgebung. Das Zimmer kostet mich 300 Rupien pro Nacht (ca. 3,50 EUR). Entsprechend wenig darf ich in Bezug auf Hygiene und Standard erwarten. Meine Ansprüche sind niedrig: ich habe eine Bett und eine Dusche (nur kaltes Wasser). Der erste Tag meiner Weltreise wird leider von den ersten Erfahrungen mit indischen Tricksereien überschattet. Ich hatte mich bewusst gegen das Vorausbuchen einer Unterkunft in Neu Delhi entschieden. Hätte ich einen festen Anlaufpunkt gehabt, wären mir diese Erfahrungen vermutlich erspart geblieben. Wie ich später erfahre, fallen selbst erfahrene Rucksackreisende bei ihrem ersten Indienbesuch auf die systematischen Täuschungsversuche herein.

Paharganj gilt mit seiner zentralen Lage und vielen günstigen Unterkünften als erster Anlaufpunkt für Reisende. Was ich vorher nicht wusste: 95% der Reisenden sind Inder, die ihre eigene Hauptstadt erkunden. Sie können sich das Reisen in anderen Ländern nicht leisten und erkunden stattdessen ihr eigenes Land. Selten sehe ich westliche Gesicher und am ersten Abend finde ich keinen Ort um mit anderen in Kontakt zu kommen.

Am zweiten Tag in Neu Delhi ziehe ich um: Ich hatte vor meiner Ankunft in Indien bereits über Couchsurfing Kontakt mit einem 28-jährigen Inder aufgenommen, der mich eingeladen hatte, bei ihm unterzukommen. Darpan wohnt und arbeitet in Neu Delhis Vorort Gurgaon, wo sich angesichts des freien Platzes und der Nähe zum Flughafen die meisten internationalen Firmen Hochhäuser und Glaspaläste gebaut haben, obwohl die Infrastruktur noch nicht den Ansprüchen genügt. Es gibt vielerorts breite Sandpisten statt Straßen, unzureichende Metroanbindung, etc. Ich komme in seiner kleinen ein-Zimmer-Wohnung unter und er freut sich mir am Wochenende Neu Delhi zeigen zu können.

In Neu Delhi bekomme einen ersten Eindruck, was mich die nächsten Wochen in Indien erwartet:

1. Menschen, Menschen, Menschen…

In Indien ist man niemals allein; außer gelegentlich als Weißer/Ausländer unter Indern. In einem Land, in dem fast jeder dunkle Haut, dunkle Augen und schwarzes Haar hat, bin ich mit oder ohne Rucksack auf hunderte Meter als Fremder auszumachen. Wenn ich mich von den typischen Touristen-Hotspots entferne, werde ich unverblümt von jung und alt beäugt. Fast immer mit einem Lächeln bei Augenkontakt. Viele Jugendliche und Männer (ganz selten Mädchen und niemals Frauen) sprechen mich an und wollen Gruppenfotos mit mir in der Mitte machen. Neben den Menschen tummeln sich laut hupende Tuktuks, Motorräder, Fahrradrikschas, Kühe und unzählige verwahrloste Hunde in den Straßen. Es ist ein Wunder, dass ich noch nicht überfahren wurde, obwohl alle Fahrzeuge Dellen und Schrammen haben.
Volle Straßen in Delhi

Volle Straßen in Delhi

2. Islam

Im 12. Jahrhundert brachten Invasoren aus dem Westen den Islam nach Nordindien. Bis zur Kolonialisierung und Vorherrschaft der Briten im 18. Jahrhundert wurde die Kultur maßgeblich durch den Islam und den Moguln als die Herrscher über die verschiedenen Regionen geprägt. 2001 waren (siehe wikipedia) 13% der Bevölkerung Moslems, obgleich die meisten Inder mir auf Nachfrage eine Zahl zwischen 20-30% nennen. Die Präsenz des Islams – meine erste wirkliche Begegnung mit dieser Religion – ist zumindest in den Städten allerorts zu spüren: riesige Moscheen, ganze Stadtviertel voller Moslems in entsprechender Kleidung und die Aufrufe der Muezzine zum Gebet (fünf Mal täglich) von den Minaretten über der Stadt. Kurze Hosen, ärmellose T-Shirts und Schuhe sind in Moscheen nicht zugelassen. Da ich kurze Hosen trage, bekomme ich am Eingang ein abgewetztes Tuch um die Hüfte. Für das Leihen des Tuchs und dafür, dass jemand auf meine Flipflops aufpasst, muss ich meistens etwas Kleingeld (10 Rupees) locker machen. Kurz bevor der Muezzin zum Abendgebet ruft, können Darpan und ich das schlanke Minarett erklimmen und wir haben einen weiten Blick über das bunte und lärmende Treiben der Stadt, die sich scheinbar endlos im Dunst des Smogs verliert.

Jama Masjid (Freitagsmoschee in Delhi)
Jama Masjid (Freitagsmoschee in Delhi)
Jama Masjid (Freitagsmoschee in Delhi)

Jama Masjid (Freitagsmoschee in Delhi)

3. Sehenswürdigkeiten & UNESCO Weltkulturerbe

Neu Delhi ist unglaublich reich an Sehenwürdigkeiten, wovon drei zum UNESCO Weltkulturerbe gehören. Ich kann micht nicht erinnern, dass in Deutschland intensiv mit dieser “Auszeichnung” geworben wird, obwohl in Deutschland aktuell 36 Weltkulturerbe-Stätten dieses Siegel tragen (allerdings keines in Hamburg). In Indien wird damit offensiver geworben. Es scheint ein Garant für großartige Sehenswürdigkeiten zu sein, weswegen ich mir fortan ein Überblick über die “Word Heritage Sites” in meinen Reiseländern machen werde.

Eine dieser Sehenswürdigkeiten ist das Qutb Minar. Ein 72m hohes Minarett, das bereits 1202 gebaut wurde, als sich der Islam in Indien auszubreiten begann. Es verjüngt sich zur Spitze hin und erscheint dadurch noch höher. Der spätere Versuch ein doppelt so hohes Minarett zu bauen scheiterte und nur das unterste Stockwerk ist heute noch zu sehen.

Qutb Minar, Delhi
Qutb Minar
Verzierungen am Qutb Minar
Verzierungen am Qutb Minar
unvollendetes Alai Minar

unvollendetes Alai Minar – Symbol für den sinnlosen stetigen Wunsch nach Größerem

Das Humayun-Mausoleum ist wie das Taj Mahal ein beeindruckendes Mausoleum aus der Mogul-Zeit. Wie bei den meisten Sehenswürdigkeiten zahle ich als Ausländer ein vielfach höheren Eintrittspreis (250 Rupien – ca. 3 EUR) als die indischen Besucher (10 Rupien). Das umschlossene Gelände mit prachtvollen Gärten ist riesig. Es ist einfach ein ruhiges Plätzchen abseits der Besuchermassen zu finden. Inmitten der Großstadt sind in diesen grünen Oasen viele Tiere zu entdecken: grüne Kanarienvögel, Greifvögel und viele Eichhörnchen. Die Palmen sind ein Zeichen dafür, dass es hier dauerhaft warm ist. Während es im Sommer unerträglich heiß ist, erkunde ich die Stadt bei moderaten 30° Grad.

Humayun-Mausoleum
Hamayun Mausoleum, Delhi
Grüne Papageien (Halsbandsittiche) im Humayun-Mausoleum, Delhi

Grüne Papageien (Halsbandsittiche) im Humayun-Mausoleum, Delhi

Ein weiteres Highlight ist der Besuch einer Wasser- und Lichtshow im Akshardham-Tempel. Der riesige Tempelkomplex wurde erst 2005 fertiggestellt. Er ist ein riesiges Kunstwerk aus Marmor und ich kann kaum fassen, dass diese Kunstfertigkeit heutzutage überhaupt noch möglich ist. Die Sicherheitsvorkehrungen sind sehr streng und es dürfen keine Kameras, Handys oder anderen elektronischen Geräte in das abgezäunte Areal mitgenommen werden – alles muss am Eingang abgegeben werden. Darpan und ich schauen uns eine Wasser- und Lichtshow kurz nach Sonnenuntergang an, die den drei Hauptgöttern des Hinduismus Brahma, Vishnu und Shiva gewidmet ist. Die volle Arena, in der die Show/Zeremonie täglich gezeigt wird, fasst viele Tausend Zuschauer und ich bin einer von wenigen Ausländern an diesem Abend. Obwohl ich von der mit Gesang und Musik untermalten Zeremonie in Hindi wenig verstehe, bin ich beeindruckt und ergriffen.

Morgens und abends fahre ich mit der modernen sowohl über- als auch unterirdischen verlaufenden Metro jeweils 45 Minuten in Delhis Vorort Gurgaon. Nach einigen Wochen der Eingewöhnung in Indien hätte mich die Stadt weniger überfordert. Rückblickend bleiben wie so häufig die guten Erinnerungen im Gedächtnis, aber wäre ich nicht bei Darpan untergekommen, hätte ich es keine vier Tage in Neu Delhi ausgehalten.

Namaste. Welcome to incredible India

Ich lande am 04.10.2013 um 06:30 Uhr in Neu Delhi. Die kürzlich fertiggestellte Metro, in der an diesem Freitagmorgen kaum jemand fährt, bringt mich in 20 Minuten zur New Delhi Railway Station. Ich möchte in den Stadtteil Paharganj – auf den Main Bazaar – der direkt westlich des Bahnhofs liegt. Dort soll das Backpackerparadies sein: günstige Zimmer, sehr zentral, viele Reisende. Ich habe nichts vorgebucht. Da ich früh am Morgen angekommen bin und an dem Main Bazaar viele Hotels und Guesthouses liegen, die mein Reiseführer empfiehlt, möchte ich meine Unterkunft vor Ort auswählen.

Es ist warm und schwül. Bereits 25 Grad an diesem frühen Morgen. Ich stehe auf der Straße vor der Metrostation, in deren riesigen klimatisierten Marmorhallen ich noch fast alleine war. Aber wohin muss ich gehen? Das Gebäude ist auf allen vier Seiten von Straßen umgeben, auf denen sich laut hupend Tuk-Tuks, Motorroller, Busse, eingedellte Autos, Kuh-Gespanne und Menschen drängen. Ich frage einen Inder am Straßenrand. Er zeigt auf das gegenüberliegende Gebäude und sagt ich solle die Brücke überqueren. Ok, ich bahne mir vorsichtig den Weg über die Straße. Linksverkehr! Ständig werde ich von der Seite angesprochen: “Hello my friend. Where you go? Tuk-Tuk?” Mit meinen beiden Rucksäcken (der große auf dem Rücken, der kleine vor der Brust) und der hellen Haut bin ich auf hunderte Meter als frisch angekommener Ausländer zu erkennen.

Ich bahne mir den Weg in die Empfangshalle des Gebäudes, in das ich geschickt wurde. Es ist der Bahnhof. Auf dem Weg zur Treppe stoße ich auf eine Sicherheitsschleuse: “Ticket?” – “No, no ticket.” Ich werde zum Informationstresen in die offene Halle zurückgeschickt, in der sich neben mir hunderte Inder drängen. Ok. Ich warte am Fenster des Tresens, aber die zwei Männer drinnen rühren sich nicht. Ein Inder mit Turban spricht mich von der Seite an: “I work here, where you want to go?”. Ich möchte zum Main Bazaar, deren Hotels sind aber wegen eines mehrtägigen Festivals in dem Stadtteil geschlossen, wie ich erfahre. Mist! Schließlich sind dort fast alle günstigen Unterkünfte. Er bringt mich zu einem Tuk-Tuk und handelt einen günstigen Preis (20 Rupien = 0,25 EUR) für mich aus, damit es mich zur Touristen Information in der Nähe des Connaught Place bringt. Die haben einen Überblick, wo ich eine günstige Unterkunft in einem anderen Stadtteil bekomme. Klingt gut!

In der kleinen Touristeninformation ist wenig los. Viele Plakate verschiedener Sehenswürdigkeiten an der Wand. In drei kleinen Parzellen können die Touristen an Tischen beraten werden. Wegen des Festivals sei praktisch alles in Delhi ausgebucht in den nächsten Tagen wird mir gesagt. Der Berater ruft für mich mehrere Telefonnummern aus meinem Reiseführer an und am Telefon wird mir versichert, dass die nächsten Tage kein Zimmer zu kriegen sei. Nur in den gehobenen Hotels, die auf jeden Fall außerhalb meines Budgets liegen, sind möglicherweise welche zu haben.

So ein Mist. Mein Berater empfiehlt mir für ein paar Tage die Stadt zu verlassen und nach dem Festival wieder zu kommen. Zum Beispiel könne ich nach Jaisalmer in Radjasthan fahren – da möchte ich ohnehin hin –, aber die Zugfahrt dorthin dauert über 20 Stunden. Darauf habe ich nach 12 Stunden Anreise und keinem Schlaf im Flugzeug nun gar keine Lust. Eigentlich wollte ich ein paar Tage Neu Delhi erkunden. Ich hatte einige Tage zuvor bereits mit einem indischen Couchsurfer Kontakt, der ich eingeladen hatte, bei ihm zu übernachten. Vielleicht dorthin? Aber ich habe keine Handynummer von ihm und weiß nur, dass er in Gurgaon – einem Vorort von Neu Delhi – wohnt. Ich schreibe ihm von dem Computer der Touristeninformation eine Email – vielleicht kriege ich ja eine Antwort in den nächsten Stunden und kann bei ihm unterkommen. Ich brauche später nur erneut Internet. Der Berater sagt mir, seitdem praktisch jeder günstiges Internet auf dem Smartphone habe, seien Internetcafés ausgestorben.
Aber gibt es nicht bei McDonalds immer WLAN? Ich hatte auf dem Weg zur Touristeninformation das Logo aus dem Tuk-Tuk eine Filiale gesehen.

Ich schlage die Angebote aus und werde noch darauf hingewiesen, dass sich viele Reisende wie ich in Gefahr begeben würden, weil sie versuchen auf eigene Faust irgendetwas zu finden und am Ende keine Unterkunft hätten.

Der Fahrer hatte die knappe Stunde vor der Tür gewartet und fragt mich, wohin ich nun wolle. Ich sage ihm, dass ich zu dem McDonalds wolle, den ich auf dem Weg gesehen hatte. Der mache erst am Nachmittag auf, sagt mir mein Fahrer. Es ist immer noch Vormittag. Ich möchte trotzdem dorthin – ich kann auch etwas warten. Mein Fahrer fährt zurück Richtung New Delhi Railway Station. Er telefoniert bei dem irren Verkehr nebenbei, was er auf der Hinfahrt auch schon gemacht hatte. Ich weiß nicht genau, wo ich den McDonalds gesehen habe und er weiß es scheinbar auch nicht. Wir halten am Straßenrand und mein Fahrer spricht mit einem Inder, der mir anschließend auf Englisch erneut bestätigt, dass Restaurants erst am Nachmittag aufmachen.

Ich bin ungeduldig und werde langsam ungehalten. Freundlich aber bestimmt fordere ich, zurück zum Bahnhof gebracht zu werden. Dort angekommen, steht der selbe Inder, der mich zu dem Fahrer gebracht hatte, auf dem Vorplatz und redet auf mich ein. Ich steige aus, gebe meinem Fahrer die vereinbarten 70 Rupien für Hin- und Rückfahrt und entferne mich vom Tuk-Tuk um das sich mehrere Menschen geschart hatten, um auf mich einzureden. Ich versuche an einer anderen Sicherheitsschleuse Zugang zum Bahnhof zu bekommen, in dessen Eingangshalle ich vor anderthalb Stunden bereits stand. Selbstbewusst gehe ich durch die Schleuse und werde nicht nach einem Ticket gefragt. Ich gehe zur Fußgängerbrücke, die sich mehrere hundert Meter lang über die Bahnhofsgleise spannt. Der Stadtteil Paharganj ist ausgeschildert. Er liegt auf der anderen Seite des Bahnhofs.

Auf der anderen Seite verlasse ich den Bahnhof wieder und stehe am Beginn des Main Bazaar. Reges Treiben. Andere Backpacker gehen an mir vorbei und stürzen sich ins Getümmel.

Alles klar. Ich bin also an Schlepper geraten, die mich mit erfundenen Geschichten zum Kauf eines sicherlich überteuerten Zug- oder Flugtickets bewegen wollten. Mit den Telefonaten hatte der Fahrer angekündigt, dass er mich vorbeibringen würde und Basisinformationen über meine Pläne, die ich ihm im Gespräch gegeben hatte, weitergegeben. Die Touristeninformation ist eine von vielen angeblich echten Touristeninformationen. Das Telefon, von dem ich die Hotels angerufen hatte, hat mich nicht wirklich mit den jeweiligen Hotels verbunden. Am anderen Ende nahm immer jemand ab, der mir versicherte, dass kein Zimmer frei sei.

Ich hatte über diese Schlepper-Tricks gelesen und andere Reisende, die zum ersten Mal in Neu Delhi waren, erzählten mir später ähnliche Stories. Ein wirtschaftlicher Schaden ist nicht entstanden, wenn ich von den 70 Rupien absehe, die ich dem Fahrer bezahlt habe. Es hat mir allerdings den ersten Tag meiner Weltreise vermiest. Fortan ist meine Skepsis gegenüber Indern hoch. Das ist schade, weil nicht alle Böses im Schilde führen. Aber ich bin um eine wertvolle Erkenntnis reicher!

Ich finde eine günstige Unterkunft und erkunde den Rest des Tages in kleinen Kreisen die nähere Umgebung.

Welcome to incredible India.