Die beste Art zu reisen

RajasthansMein nächstes Ziel ist Udaipur im Süden Rajasthans.

Ich fahre erneut Zug: Klasse 2S (second sitting) – billigste Klasse. Hier fährt das Volk. Das Ticket für die knapp sechsstündige Fahrt kostet 1,50 EUR und kann im Gegensatz zu den Tickets höherer Klassen im Zug gekauft werden. Ich reserviere aber vorher und zahle nochmal 1,20 EUR für den Agenten, da ich das Ticket nicht am Bahnhof kaufe. Das Ticket kommt per SMS aufs Handy. Im Endeffekt brauche ich bei Reservierung sowieso keines. An jedem Zugwaggon hängt außen eine Liste mit dem Namen, Geschlecht, Alter, Zustiegsort, Zielort und der Sitznummer jedes Passagiers, der reserviert hat. Ich frage mich, ob es in Indien eine Datenschutzdebatte angesichts solcher Passagierlisten gibt.
Ramponierte Passagierliste außen am Zugwaggon

Ramponierte Passagierliste außen am Zugwaggon

Der Schaffner geht mit einer weniger ledierten Liste durchs Abteil, fragt nach Ausweis/Pass und hakt die Namen ab. Da mein Name auf der Liste und mein Gesicht offensichtlich ausländisch sind, muss ich nur selten den Pass vorzeigen. Ist der Schaffner faul, gleicht er einfach die Anzahl der Reservierungen mit der Anzahl der Fahrgäste im Waggon ab.

Entgegen aller Vorurteile sitzt bei den Waggons dieser Volksklasse niemand auf dem Dach des fahrenden Zuges oder hängt von außen an den Türen angesichts eines überfüllten Innenraums. Ich muss auch nicht mit Hühnern und Ziegen um einen Sitzplatz streiten. Zumindest habe ich solche Verhältnisse auf meinen Streckenabschnitten nicht gesehen. Es mag allerdings bei Regionalzügen der Fall sein. Die gepolsterten Sitzbänke sind aber zugegebenermaßen nicht sonderlich komfortabel. An der Decke hängen Ventilatoren und die vergitterten Fenster können komplett geöffnet werden. Ungewöhnlich: Alle Zugtüren stehen offen und ich kann nach Lust und Laune an der Tür stehen und den Kopf raushalten. Dies ist mein Lieblingsplatz: Nervenkitzel, Fahrtwind, bester Ausblick. Angeblich führen die unverschlossenen Türen regelmäßig dazu, dass Passagiere die Notbremse ziehen um den Zug auf freier Strecke anzuhalten, aus dem Zug zu springen und so den Weg nach Hause zu verkürzen.
Blick aus der Zugtür der First Class (FC ohne AC)

Blick aus der Zugtür der First Class (FC ohne AC)

Neben Second Sitting 2S gibt es regelmäßig sechs weitere Klassen bei den Indian Railways. Erste, zweite und dritte Klasse mit Klimaanlage (1A, 2A, 3A), First Class ohne Klimaanlage (FC) und Sleeper Class ohne Klimaanlage (SL). Diese Klassen verfügen alle über bis zu sechs Liegen in einem Abteil. Tagsüber sitzt man auf den unteren beiden Liegen. Nachts werden die beiden darüber hängenden Liegen von der Wand geklappt und man kann zu sechst in einem Abteil schlafen. Zusätzlich gibt es bei Tagfahrten noch die klimatisierte Chair Car Klasse (CC), die aus bequemeren einzelnen Sitzen wie im Flugzeug mit Klapptischen besteht. Das Preisspektrum ist groß, obgleich für unsere Verhältnisse sehr billig. Der selbe Zug den ich nach Udaipur nehme verfügt auch über Waggons der Klassen CC (Ticketpreis: 4,50 EUR) und FC (Ticketpreis: 8 EUR).

Die Überzahl an Klassen, die zum Schlafen geeignet sind, kommt nicht von ungefähr. Die Strecken in dem Land sind riesig und angesichts vieler Haltestellen, notwendiger Wartestopps für überholende Züge und Verspätungungen braucht man für 300km Gleisstrecke gut und gerne 6 Stunden.

Aber das in Zeiten der britischen Kolonialherrschaft aufgebaute und mittlerweile weit verzweigte Streckennetz bietet (im Vergleich zum Bus oder Auto) eine relativ schnelle, komfortable und vor allem sichere Verbindung zwischen den Städten. Manche Züge durchqueren bei einer mehrtägigen Fahrt gar das ganze Land.

Zum Glück habe ich Zeit und störe mich nicht an dem langsamen und regelmäßig verspäteten Verkehrsmittel. Es gibt Steckdosen, es werden regelmäßig Chai (Tee mit Milch), Wasser und Snacks angeboten und ich komme häufig ins Gespräch mit anderen Reisenden. Wenn ich in den Zug steige, lasse ich meine Sorgen hinter mir und mache mich auf zu neuen aufregenden Orten.

Solange es nicht dunkel ist, bietet sich der Blick nach draußen an. Auffällig ist der Müll entlang der Bahntrasse. Die meisten Passagiere schmeißen Verpackungen und anderen Müll aus dem offenen Zugfenster. Papierkörbe gibt es keine. Ich habe Hemmungen den Müll aus dem Fenster zu werfen, weiß aber auch nicht wohin damit, wenn ich den Müll nicht einstecken kann/möchte.Bei einer späteren Zugfahrt fallen mir Knochen und einige halb verweste Kuhkadaver neben der Strecke auf. Angesichts der vielen herrenlosen Kühe und umherziehenden Kuhherden werden Tiere häufig vom Zug erfasst. Insbesondere wenn die Gleise unerhöht in der platten Landschaft liegen und angrenzendes, abgezäuntes Land die Tiere nahe an die Gleise heranführt.

Ein Problem stellt die regelmäßige Ausbuchung oder Überbuchung (mit Warteliste) der Züge dar. Insbesondere in der aktuellen Zeit der Festivals nehmen viele Inder den Zug und ich muss die Tickets bereits Tage vorher buchen um einen Platz zu ergattern. Das macht mich dann doch weniger flexibel als mir eigentlich lieb ist. Wenigstens lassen sich die Buchungssituation, Preise, verfügbare Züge und Klassen im Internet oder iPhone-App nachschlagen. Fortschrittliches Indien!

In Indien nehme ich achtmal den Zug und fahre insgesamt über 60 Stunden Zug – meistens über Nacht.
Ich kann in der Regel gut schlafen, obwohl es sowohl bei offenem Fenster als auch bei Klassen mit Klimaanlage nachts ziemlich kalt werden kann. In der Sleeper Class wird kein Bettzeug gestellt und ich bin froh wenigstens mein dünnes Schlafsack-Inlet zu haben. An das fast durchgehend lärmende Signalhorn – bei jedem Bahnübergang mehrmals – gewöhne ich mich auch. Die hygienischen Verhältnisse in den Hocktoiletten, die den Blick aufs Gleisbett eröffnen, sind da schon von einem anderen Kaliber.

Bei einem Umsteige-Aufenthalt am Bahnhof in Jaipur morgens um 5 Uhr gehe ich in den Wartesaal. Es gibt nur wenige Sitzmöglichkeiten und die vielen Menschen sitzen auf Folien auf dem Boden. Bei genauem Hinschauen handelt es sich um Abschnitte von Folienrollen mit Produktverpackungsfolien, wie sie die Industrie einsetzt. Ein junger Inder lädt mich ein auf seiner Folie Platz zu nehmen: Barilla Pasta. Er erzählt mir, dass sein Zug um 8 Uhr abfährt. Allerdings erst am nächsten Tag! Das Ticket berechtigt ihn zur Nutzung des Warteraums und so spart er sich für eine Unterkunft zahlen zu müssen. Nachdem wir zwei Stunden zusammen gesessen haben, zeigt er mir den richtigen Bahnsteig und wir verlinken uns auf Facebook. Erinnerungsfoto inklusive.
Erinnerungsbild mit Dhaval Tabiyad am Bahnhof Jaipur

Erinnerungsbild mit Dhaval Tabiyad am Bahnhof Jaipur

Ich freue mich schon auf meine nächste Zugfahrt.

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