Erinnerungen an Neu Delhi

Neu DelhiIch schreibe diesen Beitrag drei Wochen nachdem ich Neu Delhi verlassen habe. Ich glaube, mir geht es wie vielen anderen Reisenden, die in Indiens Hauptstadt ihre ersten Erfahrungen mit diesem Land sammeln: das abschließende Urteil fällt eher negativ aus.

Neu Delhi ist riesig, unübersichtlich, laut, dreckig und voll (Menschen, Tuktuks, Fahrradrikschas, Tiere). Ich werde ständig angesprochen und man versucht mich bei jeder Gelegenheit (Taxifahren, Lebensmittel kaufen, Sehenswürdigkeiten besichtigen) über’s Ohr zu hauen. Wie ich in den folgenden Wochen erfahre, unterscheidet sich Neu Delhi damit nicht von anderen indischen Großstädten. Ich bin schlichtweg völlig unerfahren und überfordert.

Mein erster Tag endet unspektakulär. Ich finde im Stadtteil Paharganj eine einfache Unterkunft und erkunde die nähere Umgebung. Das Zimmer kostet mich 300 Rupien pro Nacht (ca. 3,50 EUR). Entsprechend wenig darf ich in Bezug auf Hygiene und Standard erwarten. Meine Ansprüche sind niedrig: ich habe eine Bett und eine Dusche (nur kaltes Wasser). Der erste Tag meiner Weltreise wird leider von den ersten Erfahrungen mit indischen Tricksereien überschattet. Ich hatte mich bewusst gegen das Vorausbuchen einer Unterkunft in Neu Delhi entschieden. Hätte ich einen festen Anlaufpunkt gehabt, wären mir diese Erfahrungen vermutlich erspart geblieben. Wie ich später erfahre, fallen selbst erfahrene Rucksackreisende bei ihrem ersten Indienbesuch auf die systematischen Täuschungsversuche herein.

Paharganj gilt mit seiner zentralen Lage und vielen günstigen Unterkünften als erster Anlaufpunkt für Reisende. Was ich vorher nicht wusste: 95% der Reisenden sind Inder, die ihre eigene Hauptstadt erkunden. Sie können sich das Reisen in anderen Ländern nicht leisten und erkunden stattdessen ihr eigenes Land. Selten sehe ich westliche Gesicher und am ersten Abend finde ich keinen Ort um mit anderen in Kontakt zu kommen.

Am zweiten Tag in Neu Delhi ziehe ich um: Ich hatte vor meiner Ankunft in Indien bereits über Couchsurfing Kontakt mit einem 28-jährigen Inder aufgenommen, der mich eingeladen hatte, bei ihm unterzukommen. Darpan wohnt und arbeitet in Neu Delhis Vorort Gurgaon, wo sich angesichts des freien Platzes und der Nähe zum Flughafen die meisten internationalen Firmen Hochhäuser und Glaspaläste gebaut haben, obwohl die Infrastruktur noch nicht den Ansprüchen genügt. Es gibt vielerorts breite Sandpisten statt Straßen, unzureichende Metroanbindung, etc. Ich komme in seiner kleinen ein-Zimmer-Wohnung unter und er freut sich mir am Wochenende Neu Delhi zeigen zu können.

In Neu Delhi bekomme einen ersten Eindruck, was mich die nächsten Wochen in Indien erwartet:

1. Menschen, Menschen, Menschen…

In Indien ist man niemals allein; außer gelegentlich als Weißer/Ausländer unter Indern. In einem Land, in dem fast jeder dunkle Haut, dunkle Augen und schwarzes Haar hat, bin ich mit oder ohne Rucksack auf hunderte Meter als Fremder auszumachen. Wenn ich mich von den typischen Touristen-Hotspots entferne, werde ich unverblümt von jung und alt beäugt. Fast immer mit einem Lächeln bei Augenkontakt. Viele Jugendliche und Männer (ganz selten Mädchen und niemals Frauen) sprechen mich an und wollen Gruppenfotos mit mir in der Mitte machen. Neben den Menschen tummeln sich laut hupende Tuktuks, Motorräder, Fahrradrikschas, Kühe und unzählige verwahrloste Hunde in den Straßen. Es ist ein Wunder, dass ich noch nicht überfahren wurde, obwohl alle Fahrzeuge Dellen und Schrammen haben.
Volle Straßen in Delhi

Volle Straßen in Delhi

2. Islam

Im 12. Jahrhundert brachten Invasoren aus dem Westen den Islam nach Nordindien. Bis zur Kolonialisierung und Vorherrschaft der Briten im 18. Jahrhundert wurde die Kultur maßgeblich durch den Islam und den Moguln als die Herrscher über die verschiedenen Regionen geprägt. 2001 waren (siehe wikipedia) 13% der Bevölkerung Moslems, obgleich die meisten Inder mir auf Nachfrage eine Zahl zwischen 20-30% nennen. Die Präsenz des Islams – meine erste wirkliche Begegnung mit dieser Religion – ist zumindest in den Städten allerorts zu spüren: riesige Moscheen, ganze Stadtviertel voller Moslems in entsprechender Kleidung und die Aufrufe der Muezzine zum Gebet (fünf Mal täglich) von den Minaretten über der Stadt. Kurze Hosen, ärmellose T-Shirts und Schuhe sind in Moscheen nicht zugelassen. Da ich kurze Hosen trage, bekomme ich am Eingang ein abgewetztes Tuch um die Hüfte. Für das Leihen des Tuchs und dafür, dass jemand auf meine Flipflops aufpasst, muss ich meistens etwas Kleingeld (10 Rupees) locker machen. Kurz bevor der Muezzin zum Abendgebet ruft, können Darpan und ich das schlanke Minarett erklimmen und wir haben einen weiten Blick über das bunte und lärmende Treiben der Stadt, die sich scheinbar endlos im Dunst des Smogs verliert.

Jama Masjid (Freitagsmoschee in Delhi)
Jama Masjid (Freitagsmoschee in Delhi)
Jama Masjid (Freitagsmoschee in Delhi)

Jama Masjid (Freitagsmoschee in Delhi)

3. Sehenswürdigkeiten & UNESCO Weltkulturerbe

Neu Delhi ist unglaublich reich an Sehenwürdigkeiten, wovon drei zum UNESCO Weltkulturerbe gehören. Ich kann micht nicht erinnern, dass in Deutschland intensiv mit dieser “Auszeichnung” geworben wird, obwohl in Deutschland aktuell 36 Weltkulturerbe-Stätten dieses Siegel tragen (allerdings keines in Hamburg). In Indien wird damit offensiver geworben. Es scheint ein Garant für großartige Sehenswürdigkeiten zu sein, weswegen ich mir fortan ein Überblick über die “Word Heritage Sites” in meinen Reiseländern machen werde.

Eine dieser Sehenswürdigkeiten ist das Qutb Minar. Ein 72m hohes Minarett, das bereits 1202 gebaut wurde, als sich der Islam in Indien auszubreiten begann. Es verjüngt sich zur Spitze hin und erscheint dadurch noch höher. Der spätere Versuch ein doppelt so hohes Minarett zu bauen scheiterte und nur das unterste Stockwerk ist heute noch zu sehen.

Qutb Minar, Delhi
Qutb Minar
Verzierungen am Qutb Minar
Verzierungen am Qutb Minar
unvollendetes Alai Minar

unvollendetes Alai Minar – Symbol für den sinnlosen stetigen Wunsch nach Größerem

Das Humayun-Mausoleum ist wie das Taj Mahal ein beeindruckendes Mausoleum aus der Mogul-Zeit. Wie bei den meisten Sehenswürdigkeiten zahle ich als Ausländer ein vielfach höheren Eintrittspreis (250 Rupien – ca. 3 EUR) als die indischen Besucher (10 Rupien). Das umschlossene Gelände mit prachtvollen Gärten ist riesig. Es ist einfach ein ruhiges Plätzchen abseits der Besuchermassen zu finden. Inmitten der Großstadt sind in diesen grünen Oasen viele Tiere zu entdecken: grüne Kanarienvögel, Greifvögel und viele Eichhörnchen. Die Palmen sind ein Zeichen dafür, dass es hier dauerhaft warm ist. Während es im Sommer unerträglich heiß ist, erkunde ich die Stadt bei moderaten 30° Grad.

Humayun-Mausoleum
Hamayun Mausoleum, Delhi
Grüne Papageien (Halsbandsittiche) im Humayun-Mausoleum, Delhi

Grüne Papageien (Halsbandsittiche) im Humayun-Mausoleum, Delhi

Ein weiteres Highlight ist der Besuch einer Wasser- und Lichtshow im Akshardham-Tempel. Der riesige Tempelkomplex wurde erst 2005 fertiggestellt. Er ist ein riesiges Kunstwerk aus Marmor und ich kann kaum fassen, dass diese Kunstfertigkeit heutzutage überhaupt noch möglich ist. Die Sicherheitsvorkehrungen sind sehr streng und es dürfen keine Kameras, Handys oder anderen elektronischen Geräte in das abgezäunte Areal mitgenommen werden – alles muss am Eingang abgegeben werden. Darpan und ich schauen uns eine Wasser- und Lichtshow kurz nach Sonnenuntergang an, die den drei Hauptgöttern des Hinduismus Brahma, Vishnu und Shiva gewidmet ist. Die volle Arena, in der die Show/Zeremonie täglich gezeigt wird, fasst viele Tausend Zuschauer und ich bin einer von wenigen Ausländern an diesem Abend. Obwohl ich von der mit Gesang und Musik untermalten Zeremonie in Hindi wenig verstehe, bin ich beeindruckt und ergriffen.

Morgens und abends fahre ich mit der modernen sowohl über- als auch unterirdischen verlaufenden Metro jeweils 45 Minuten in Delhis Vorort Gurgaon. Nach einigen Wochen der Eingewöhnung in Indien hätte mich die Stadt weniger überfordert. Rückblickend bleiben wie so häufig die guten Erinnerungen im Gedächtnis, aber wäre ich nicht bei Darpan untergekommen, hätte ich es keine vier Tage in Neu Delhi ausgehalten.

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