Jaipur – die rosarote Stadt

JaipurFür meinen ersten Reiseabschnitt habe ich eine Rundreise durch Indiens größten Bundesstaat Rajasthan geplant. Er hat ungefähr die Fläche Deutschlands und grenzt im Westen an Pakistan. Die Landschaft ist karg und geht im Westen in die Tharwüste über.

Mein erstes Ziel ist Jaipur, die Hauptstadt des Bundesstaates Rajasthan. Neu Delhi, Agra – wo das Taj Mahal steht – und Jaipur bilden das Goldene Dreieck. Diese drei Städte werden angesichts der geographischen Nähe zueinander gerne von Touristen bereist.

Mit dem Zug erreiche ich Jaipur in vier Stunden. Ich fahre in der Klasse 3AC (dritte Klasse mit Air Conditioning = Klimaanlage). In der Zugklasse ist das Reisen tagsüber und nachts gut auszuhalten. Das Ticket kostet 370 Rupien (ca. 4,50 EUR). Ich sitze am Fenster und blicke in die Landschaft. Es gibt Steckdosen und ständig laufen Männer durch den Zug, die Wasser, Tee und Kleinigkeiten zu Essen anbieten.

Jaipur hat den Beinamen “rosarote Stadt”, da die Häuser in der von Mauern umgebenen Innenstadt größtenteils rosarot angestrichen sind. Solche Beinamen sind vor allem gut fürs Marketing. Ich komme in einem Mehrbettzimmer (Dorm) mit fünf Betten unter, was in Indien eine Seltenheit ist. Es gibt Schließfächer, die groß genug sind um den gesamten Rucksack einzuschließen. Den Verzicht auf Privatssphäre nehme ich gerne in Kauf, da es in Mehrbettzimmern ein Leichtes ist andere Reisende kennenzulernen. Ich erkunde den Rest des Tages mit Jean-Olivier – einem Kanadier aus dem französischsprachigen Quebéc, der fast am Ende seiner einjährigen Reise ist – die Stadt. Wir machen uns zu Fuß auf den Weg zu der über der Stadt liegenden Tigerfestung Nahargarh, die einen Blick wie aus der Vogelperspektive in die engen gewundenen Gassen der Stadt bietet. Wir müssen eine gewundene steile Gasse emporsteigen, auf der uns Ziegen- und Kuhherden entgegenkommen. Kurz vor Sonnenuntergang schallt der Singsang von den Moscheen über die Stadt. Wir genießen ein Kingfisher-Bier auf den Zinnen der Festungsmauer sitzend und warten das Hereinbrechen der Nacht ab. Die Sonne geht gegen 18:00 Uhr unter und die Dämmerungsphasen sind in diesen südlichen Breiten kurz, sodass bereits 45-60 Minuten später Dunkelheit herrscht.

Stadtpalast (Vordergrund) und Tigerfestung (Nahargarh), Jaipur
gewundener Weg zur Tigerfestung (Nahargarh), Jaipur

gewundener Weg zur Tigerfestung (Nahargarh), Jaipur
Blick auf Jaipur von der Tigerfestung (Nahargarh)

Blick auf Jaipur von der Tigerfestung (Nahargarh)

Wie in vielen Städten Rajasthans wird Jaipur von Palästen, Festungen und Mauerzügen übertrohnt. Wir besichtigen die Festung im nördlich liegenden Amber. Anders als in Burgen und Schlössern in Europa sind die Innenräume selten restauriert und im originalen Stile eingerichtet. Die Festungen sind dennoch überwältigend und die Architektur unter Verwendung von Marmor, Sandstein, Schmucksteinintarsien, Spiegeln, etc. ohne Vergleich in Europa. Angesichts der ständigen Hitze sind die Paläste offen und luftig gestaltet. Vor allem kunstvoll sind überall aufwendig gestaltete Marmorgitter zu finden, die das Sonnenlicht brechen, den Wind durchlassen, das Herausschauen erlauben, aber vor neugiergen Blicken von außen schützen.
Festung Amber

Festung AmberMauerzüge der Amber Festung
Spiegelmosaike im Amber Fort

Spiegelmosaike im Amber Fort
Marmorreliefs am Royal Gaitor (Gatore Ki Chhatriyan) – detailreich wie Gemälde, aber wetterfest!

Marmorreliefs am Royal Gaitor (Gatore Ki Chhatriyan) – detailreich wie Gemälde, aber wetterfest!

Der Palast der Winde (Hawa Mahal) ist das Wahrzeichen Jaipurs. Es sollte den Hofdamen den Blick auf das Treiben auf den Straßen erlauben, ohne dass sie selbst gesehen werden. Es ist daher mit hunderten kleiner vergitterter Fenster ausgestattet. Nachdem ich wieder von diversen Indern gebeten werde, mit ihnen ein Fotos zu machen (wohlgemerkt für ihre, nicht meine Bilderkollektion), möchte auch ich ein Foto für meine Erinnerung. Das fehlende Lächeln ist normal.

Hawa Mahal (Palast der Winde), Jaipur Blick aus dem Hawa Mahal (Palast der Winde), Jaipur
Gruppenfoto mit Indern im Hawa Mahal (Palast der Winde), Jaipur

Gruppenfoto mit fröhlichen Indern im Hawa Mahal (Palast der Winde), Jaipur

In Jaipur lerne ich ein weiteres Marketing-Erfolgskonzept kennen: Den Sunset-Point. In jeder Stadt trägt meistens nur ein bestimmter Ort diesen Namen, von dem aus ich einen atemberaubenden Sonnenuntergang erleben können soll. Auch wenn der jeweilige Ort einen anderen/richtigen Namen trägt, so ist er als “Sunset-Point” eindeutig definiert. Ich wage zu behaupten, dass dieser Ort von lokalen Taxi- bzw. Tuktukfahrern als solcher festgelegt wird, die einen gegen ein auszuhandelndes Entgelt gerne dorthinfahren. Jeden Tuktukfahrer, den ich tagsüber zum Zurücklegen längerer Strecken in Anspruch nehme, bietet mir an, mich vor Sonnenuntergang rechtzeitig von meiner Unterkunft abzuholen. Ergänzend gibt es meistens einen weniger populären Sunrise-Point. Die geringe Popularität ist angesichts der Notwendigkeit sehr früh aufzustehen gut nachvollziehbar.
In Jaipur ist der Sunset-Point der Tempel von Galta. Er ist auch als Affenpalast bekannt, angesichts der Vielzahl von Makaken-Affen, die dort anzutreffen sind. Da sich das Sunset-Point-Konzept gut verkauft, kann man auf dem Weg dorthin Erdnüsse kaufen, die man an die Affen verfüttert. Die Überzahl der Affen ist mir etwas unheimlich. Die Affen werden sehr aufdringlich, als ich die Erdnüsse nicht sofort rausrücke. Eine zweite Tüte, die ich in die Außentasche meines Tagesrucksacks stopfe, verliere ich an einen Affen der mich furchtlos von hinten anspringt.
Affen am Sunset-Point, Jaipur

Affen am Sunset-Point, Jaipur

In wassergefüllten Tonnen badende Makaken-Affen am Sunset-Point, Jaipur

In wassergefüllten Tonnen badende Makaken-Affen am Sunset-Point, Jaipur

Jean-Olivier hat am Ende seiner einjährigen Australien- und Asienreise ein straffes Programm in Indien und verlässt Jaipur bereits nach einer Übernachtung. Ich bleibe zwei Nächte bevor ich den Bus weiter in den Pilgerort Pushkar nehme.

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