Jodhpur & Jaisalmer – Wüstenträume im Mondschein

Jodhpur

JodhpurNach der Ankunft mit dem Bus aus Udaipur am frühen Morgen schlafe ich nur kurz. Ich habe mich mit Darpan verabredet, der mich über Couchsurfing zwei Wochen zuvor in Delhi bei sich aufgenommen hatte. Wir wollen die beiden Wüstenstädte Jodhpur und Jaisalmer erkunden.

Darpan hatte den Nachtzug aus Delhi genommen und stößt morgens in unserem Guesthouse zu Stephan und mir. Von der Dachterasse blicken wir auf das stolze Meherangarh Fort. Aus der Masse kubischer Häuser der blauen Stadt erhebt sich fast senkrecht der rote Sandsteinfelsen. Am oberen Rand scheinen Mauern, Türme und Gebäude aus dem Stein zu wachsen.
Blick vom Fort zur blauen Stadt Jodhpur

Blick vom Fort zur blauen Stadt Jodhpur

Meherangarh Fort, Jodhpur

Blick von der Dachterrasse des Cosy Guesthouse – Meherangarh Fort, Jodhpur

Meherangarh Fort, Jodhpur

Jodhpur war einst Hauptstadt des großen Fürstentums Marwar (nicht zu verwechseln mit dem Fürstentum Mewar). Der Audioguide weiß zu berichten, dass die mächtige Festung über Jahrhunderte hinweg nicht eingenommen werden konnte. Die runden Einschusslöcher von Kanonenkugeln zeugen von den Kämpfen um die Festung.

Durch enge verwinkelte Gassen erreichen wir über mehrere Tore und Schutzwälle das letzte Tor in dessen Schatten hunderte Fledermäuse von der Decke hängen. Vor dem letzten Tor macht die Zuwegung eine 90° Kurve und die riesigen Tore sind mit Metallspitzen versehen. Diese Maßnahmen waren notwendig, um Kriegselefanten beim Angriff das Einrammen der Tore zu erschweren. Hinter dem Tor sind die Handabdrücke der Witwen des Maharadschas Man Singh an der Wand zu sehen. Nach dem Tod ihres Mannes wurden sie lebendig mit dem Leichnam ihres Ehemannes verbrannt. Es galt für die Ehefrauen als unwürdig nach dem Tod ihres Mannes als Witwen zu leben. Darpan erklärt mir, dass dieses „sati“-Ritual trotz Verbots bis Mitte des 20. Jahrhunderts gelegentlich vollzogen wurde.

Wir machen unsere Runde durch das Fort und bewundern die filigranen roten Sandsteinfenster. Wie andernorts aus Marmor gearbeitet, verhindern sie den Blick nach innen, während sie den Blick nach außen gewähren. Dies sollte vor allem die neugierigen Blicke auf die Frauen der Herrscher verhindern.
Sandsteinfenster in Meherangarh Fort, JaisalmerMeherangarh Fort, Jodhpur
Buntglas aus Europa im Meherangarh Fort, Jodhpur

Buntglas aus Europa im Meherangarh Fort, Jodhpur

Meherangarh Fort, Jodhpur

Von den Mauern des Forts reicht der Blick weit hinter die Stadtmauern in die karge Wüste.
Darpan und ich – Blick von Meherangarh Fort, Jodhpur

Darpan und ich – Blick von Meherangarh Fort, Jodhpur

Zufällig sind wir während des international geachteten RIFF-Festivals In Jodhpur. Das Festival wird über fünf Tage von früh morgens bis nach Mitternacht auf dem Fort abgehalten. Auch in den Innenhöfen des Forts machen die Künstler tagsüber Musik und unterhalten die Besucher.
RIFF Festival in Jodhpur

Das Festival widmet sich der volkstümlichen Musik Rajasthans, Indiens und jenseits dieser Grenzen. Obwohl Darpan und ich am Tag unserer Ankunft gegen Mitternacht bereits den Nachtzug nach Jaisalmer nehmen, besuche ich eine der Veranstaltungen am Abend. Die Karte ist mit 1200 Rupien (ca. 15 EUR) praktisch nur für betuchte Inder und ausländische Besucher erschwinglich. Entgegen der ortsüblichen Zurückhaltung gegenüber Alkohol wird das indische Kingfisher-Bier verkauft. Eine Flasche, die hier 0,66 Liter fasst, kostet fast 4 EUR. Die beleuchtete Festung in der warmen und sternenklaren Nacht zu erklimmen, ist etwas besonderes. Ansonsten kann das Fort wie die meisten anderen Sehenswürdigkeiten in Indien nur bis Sonnenuntergang besucht werden.
Meherangarh Fort bei Nacht, Jodhpur

Auf der Bühne finden sich mehrere Musiker mit mir völlig fremden Instrumenten zu einer virtuosen Jam Session ein. Es spielen Daud Khan Sadozai (Instrument: Rubab), Joseph Tawadros (Instrument: Oud) und Dilshad Khan (Instrument: Sarangi), während der Vollmond über den Zinnen der Burg aufgeht. [leider finde ich online kein Video von der Performance]. Ich bin beseelt von der Stimmung, bis eine norwegische Akkordeonistin (Linda Gytri) mit zwei Gitarristen die Bühne betritt. Sie spielt norwegische Volksmusik und Eigenkompositionen und singt zuweilen melancholisch mit. Zumindest die anwesenden Ausländer sind wie ich irritiert: Da sitzen wir in einer Vollmondnacht auf einer der größten Festungen Rajasthans und müssen das mit Schwermut geschwängerte Spiel einer Norwegerin anhören. Ich verlasse die skurrile Szene, um rechtzeitig beim Bahnhof zu sein. Beim Abstieg genieße ich den Wind, der über das Fort fegt, und den Blick auf die Lichter der Stadt.

Wie der Bus am Vortag in Jodhpur, kommt der Zug sehr früh morgens in Jaisalmer an. Ein geschäftstüchtiger Inder (max. 20 Jahre alt), hatte Darpan und mir bereits in Jodhpur auf dem Bahnsteig sein Hotel schmackhaft gemacht. Wir werden dort nicht übernachten, können aber zumindest ein kurzes Schläfchen einlegen und duschen.

Wüstensafaris sind das touristische Highlight Jaisalmers und ziehen Touristen auf ihrer Indienreisen in diesen westlichsten Teil des Landes. Am Nachmittag wollen wir an einer Kamelsafari teilnehmen und die Nacht in der Wüste verbringen. Die Zahl der Anbieter und das Angebotsspektrum sind riesig: vom kurzen Kamelritt in den Sonnenuntergang bis zu tagelangen Wüstenaufenthalten ist alles möglich. Tripadvisor hilft erneut weiter. Bevor wir mit dem Jeep am Nachmittag die Stadt verlassen, können wir noch die Stadt erkunden.

In Jaisalmers Zentrum liegt erneut ein gewaltiges Fort, das im Gegensatz zu allen anderen Festungen Rajasthans noch viele Bewohner (rund 2000) zählt. Die goldene Stadt, die diesen Namen aufgrund der überwiegenden Verwendung von hellem gold-gelben Sandstein trägt, liegt inmitten der Tharwüste nahe der pakistanischen Grenze.
Jaisalmer Fort

Wir machen uns unter der heißen Mittagssonne (38° Grad) auf dem Weg zum Gadi-Sagar Teich. Einst einzige Wasserquelle Jaisalmers. Trotz der erbarmungslosen Hitze sind dutzende teils vollbesetze Ruderboote unterwegs. Ich sitze im Schatten am Ufer auf den Sandstein-Ghats.
Gadi Sagar See

Die Stadt macht durch die weitgehende Verwendung von dem gelben Sandstein einen geordneteren Eindruck als die Städte, die ich zuvor besucht habe. Besonderes Augenmerk verdienen die reich verzierten Havelis – Stadthäuser und -paläste – die von wohlhabenden Bürgern bewohnt werden. Aber auch gewöhnliche Häuser haben reiche Verzierungen und Sandstein-Gitterwerk.
Jaisalmer Sandsteinverzierungen Jaisalmer Sandsteinverzierungen

Am Nachmittag nehmen wir einen Jeep. Neben Darpan und mir sind zwei Inder in unserer Gruppe. Wir fahren gen Westen und passieren eine Straßenkontrolle des indischen Militärs. Angesichts der Nähe zur pakistanischen Grenze hat das Militär eine hohe Präsenz. Wir fahren auf einer Asphaltstraße durch die karge Wüste. Hier ist die Wüste keine reine Sandwüste ohne Vegetation. Im weiten Blickfeld sind Felsen, Büsche und kleinere widerstandsfähige Bäume. Ich hätte es wohl als Steppe bezeichnet…

Auf weiten Teilen der Strecke wird eine Seite der Straße neu asphaltiert. Ich kann mir nur ausmalen welcher Hitze die Straßenarbeiter bei dieser schweißtreibenden unter der Nachmittagssonne ausgesetzt sein müssen. Nach 45 Minuten verlassen wir die Straße und kommen zu unseren Kamelen.

Die Tiere sind riesig. Schulterhöhe gut 2,00 Meter. Zum Aufsitzen fallen sie zunächst auf die Knie und knicken dann mit den Hinterläufen ein. Jeder von uns sitzt auf einem eigenen Kamel – gepolstert mit Decken. Die Kamele tragen einen kleinen Stab durch die Nasenflügel, an dessen Enden das Führungsseil befestigt wird. Als der Kamelführer das Seil anbringt, stoßen die Kamele Laute aus, wie ich sie noch nie gehört habe: Ein tiefes, tragisches Röhren – mit dem unverkennbaren Unterton von Schmerzen. Ich sehe, dass die Kamele auf die geringste Bewegung des Seils reagieren und es – anders als bei Pferdezügeln – niemals voll gespannt ist.
Kamele Jaisalmer

Mir schwebten Bilder von in feine Stoffe gehüllten Nomaden im Kopf vor, die – nur eine Silhouette in einer endlosen Sandwüste vor der untergehenden Sonne – auf ihren edlen Tiere langsam über einen Dünenkamm quer durchs Blickfeld schreiten. Ich war vorgewarnt worden: Der Ritt auf dem Kamel weicht von dieser romantischen Vorstellung ab. Ein Tier wird vom Kamelführer geführt, während ein zweites Kamel an das erste angebunden ist. Geräuschvoll – wie ein laufendender Wasserhahn aus großer Höhe – pinkelt mein Reittier während des Laufens minutenlang. Nach knapp 1,5 Stunden erreichen wir unser Ziel. Ich kippe fast vornüber, als die Vorderläufe einknicken und das Tier auf seine Knie fällt. Ich bin froh von meinem Kamel absteigen zu können. Die schunkelnde Gehbewegung der auch als Wüstenschiffe bezeichneten Tiere und das weite Spreizen der Beine könnten kaum unbequemer sein. Ich hatte extra meine Trekkinghose angezogen, um das Scheuern an den groben Decken, auf denen ich gesessen hatte, zu minimieren.
Kamelschatten, Jaisalmer

Lange Beine, Kamel, ich (einziges Foto von mir mit Kamel)

Kurz vor Sonnenuntergang sind wir am Fuße einiger Sanddünen angekommen. Wir erklimmen die Dünen um den Sonnenuntergang zu sehen und das Hereinbrechen der Nacht abzuwarten. Der Eindruck inmitten der einsamen Wüste zu sein wird durch die Tatsache getrübt, dass in allen Himmelsrichtungen Windräder stehen und den bald zu sehenden Sternenhimmel um zahllose rote blinkende Sterne ergänzen.
Winderräder Jaisalmer Wüste Jaisalmer

Der Sand ist fein wie Puderzucker. Nicht wie an Nord- oder Ostsee, sondern fein gemahlen. Eine echte Gefahr für meine Spiegelreflexkamera! Den Sandstaub finde ich noch Tage später in den Taschen meines Rucksacks.

Über einem kleinem Lagerfeuer kochen die Kamelführer ein einfaches Abendessen: Dal Bhat. Reis mit Linsensuppe. Bereits nach einer Dreiviertelstunde nach Sonnenuntergang ist es stockfinster und der Sternenhimmel ist in seiner ganzen Pracht zu sehen. Der Vollmond, den ich am Vorabend beim Festival in Jodhpur noch bewundert habe, geht rot leuchtend am Horizont auf. Erst hier, wo es kein anderes Störlicht gibt, merke ich, wie hell der Mond sein kann. Von Milchstraße und den Myriaden von Punkten am Himmel ist bald nichts mehr zu erkennen – aber zumindest eine Sternschnuppe huscht über den beleuchteten Himmel. Wir bekommen ein paar Decken und legen uns unter dem freien Nachthimmel auf die Sanddüne zum Schlafen. Auch dieses Nachtlager liest sich spannender als es tatsächlich ist: Der Untergrund ist hart und die Luft kühlt nachts unangehm ab. Nach einer langen Nacht mit unruhigem Schlaf bringen uns die Kamele an den Ausgangspunkt zurück.
IMG_2884 IMG_2889 Kamele Jodhpur

In Jaisalmer haben Darpan und ich Gelegenheit zum Fort emporzusteigen und die sieben reiche verzierten Jaintempel innerhalb der Stadtmauern zu bewundern. Der Jainismus ist eine dem Hinduismus in einigen Punkten ähnliche Relgion, der heute aber weniger als 1% der Inder angehören. Nichtsdestotrotz gehören der Glaubensgemeinschaft viele einflussreiche Bürger, insbesondere Händler und Kaufleute an. Aus der Blütezeit des Jainismus stammen viele reich verzierte Tempelanlagen – einige der bedeutendsten Rajasthans. Der Respekt vor der Natur und jedem noch so kleinen Lebewesen ist eines der zentralen Gebote. Ich lese, dass Jainisten mit Mundschutz herumlaufen, um nicht versehentlich keine Fliegen oder anderes Getier zu verschlucken.
IMG_2913 Jaintempel, Jaisalmer-Fort Jaintempel, Jaisalmer-Fort Jaintempel, Jaisalmer-Fort

Leider bin ich nicht lang genug in Jaisalmer. Darpan und ich nehmen bereits am späten Nachmittag den Zug zurück nach Delhi. Im Zug Jaisalmer

Während Darpan nach einem langen Wochende wieder ins Büro gehen muss, steige ich nach fast 12 Stunden am nächsten Morgen in Jaipur um. Nächster Stop: Agra.

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