Khajuraho – Erotik in Stein gemeißelt

Khajuraho

KhajurahoIch sitze tagsüber erneut im Zug: von Agra nach Khajuraho. Die klimatisierte Klasse (3AC) ist kaum besetzt als ich am späten Vormittag in den Zug steige. In meinem Abteil sitzt ein Inder. Er ist ein paar Jahre älter als ich. Father (Pfarrer) Jossey Kuriakose ist katholischer Pfarrer einer kleinen Gemeinde in Khajuraho. Er kommt aus dem südwestlichen, indischen Bundesstaat Kerala, wo die Portugiesen während der Kolonialzeit den Katholizismus und verbreitet haben. Heute noch gibt es dort viele Kirchen – sogar Kathedralen – und katholische Gemeinden.

Zur St. Joseph Gemeinde gehören rund ein Dutzend Familien. Wir unterhalten uns angeregt während der zehnstündigen Fahrt über Religion, die indische Gesellschaft und andere Themen. Er fragt mich interessiert zum Thema Fotografieren und der Benutzung meiner digitalen Spiegelreflexkamera aus. Schließlich lädt er mich zum Gottesdienst am nächsten Abend in seine Gemeinde.

Ich beginne an meinem Laptop meine ersten Blogeinträge vorzuschreiben, als der Bildschirm plötzlich schwarz wird. Anschließend lässt sich der Computer nicht hochfahren – im Bios wird die Festplatte nicht mehr angezeigt. Einige Tage später in einem Servicecenter habe ich Gewissheit: Festplattencrash!
Ich habe mit Antritt meiner Reise viele Ärgernisse und Zwänge (denen ich mich freiwillig unterworfen habe) hinter mir lassen können, aber ich mache mich immer noch zum Sklaven der Elektronik. Hätte ich auf einen Laptop lieber verzichten sollen?
Zum Glück habe ich die Bilder der ersten drei Wochen noch auf der Speicherkarte meiner Kamera. Was wäre gewesen, wenn meine Festplatte einige Monate später weggerauscht wäre?

Khajuraho liegt im Norden des Bundesstaates Madhya Pradesh. Der kleine Ort – nicht vielmehr als ein Dorf – liegt abseits der Haupttouristenrouten. Beim Frühstück am nächsten Morgen in einem einfachen offenen Imbiss am Randes des staubigen Versammlungs- und Veranstaltungsplatzes in der Mitte des Ortes komme ich mit einem Inder ins Gespräch. Er berichtet mir, dass die Verwaltung versuche die Verkehrsinfrastruktur auszubauen, um mehr Touristen nach Khajuraho zu locken. Eine direkte Bahnverbindung nach Agra (und Delhi) gibt es erst seit wenigen Jahren. Der neue Flughafen fertigt aktuell völlig unrentabel zwei Flüge am Tag ab.

Dabei bietet Khajuraho die beeindruckensten Tempelanlagen, die ich in Indien besichtige: Die Hindutempel sind rund 1000 Jahre alt (aus dem 10. – 12. Jh.). Sie waren Jahrhunderte vom Dschungel überwuchert, bis die Briten sie während der Kolonialzeit wiederentdeckten.
UNESCO Weltkulturerbe: Western group of temples, Khajuraho

UNESCO Weltkulturerbe: Western group of temples, Khajuraho

Western group of temples, Khajuraho

Western group of tempels, Khajuraho

Die Tempel sind über und über mit Skulpturen und Reliefs mit immensem Detailreichtum versehen. Sie werden aufgrund ihrer explizit erotischen und sexuellen Darstellungen auch als Kamasutratempel bezeichnet. Es gibt keine eindeutige Erklärung, warum das Volk der Chandella, die diese Tempel errichteten, diese Darstellungen wählten. Ein Widerspruch drängt sich mir aer auf: Einerseits die kunstvollen und ästhetischen Darstellungen von Frauen, die nichts von Unterdrückung von Frauen erkennen lassen. Andererseits die niedrige Stellung von Frauen, der schwierige Umgang mit Sex und Zwangsverheiratungen in der heutigen indischen Gesellschaft sowie die Berichte von brutalen Vergewaltigungen, über die selbst in den westlichen Medien berichtet wird.
Vom ausgezeichneten Audio-Guide lasse ich mir die erotischen Darstellungen auf den Tempelanlagen erläutern:Western group of temples, Khajuraho
höchster Detailreichtum: Liebesmale (Kratzspuren) auf der Schulter dieser Schönheit

höchster Detailreichtum: Liebesmale (Kratzspuren) auf der Schulter dieser Schönheit

western group of temples, Khajuraho western group of temples, Khajuraho

Sinn für Humor: alle Elefanten-Köpfe um den Sockel des Tempels schauen geradeaus. Nur ein Elefant hat etwas interessantes entdeckt und schaut neugierig zur Seite.

Elefanten am Tempel
Flip-Flops bleiben vor dem Tempel!

Flip-Flops bleiben vor dem Tempel!
Aufstieg zum Tempel im reichverzierten Sari

Aufstieg zum Tempel im reichverzierten Sari

Im Inneren der steinernen Tempel ist es kühl und dunkel. Das stechend helle Tageslicht scheint gedämpft durch die seitlichen Balkone und den Haupteingang, zu dem man die Stufen barfuß emporsteigen muss. In der Haupthalle steht die erneut reich verzierte innere Kammer, um die man herumgehen kann. Fahles Licht fällt auf die Statuen und unter der Decke lassen sich hängende Fledermäuse ausmachen.
Blick in den Umgang der inneren Kammer

Blick in den Umgang der inneren Kammer
Götterbild in der inneren Kammer

Götterbild in der inneren Kammer

Die abgezäunte Anlage ist gut gepflegt – es sieht hier so gar nicht nach Indien aus. Ich wandle stundenlang zwischen den Tempeln der zum Weltkulturerbe zählenden Westtempelgruppe. Als ich das Gelände verlasse, spricht mich ein junger Inder an und bietet mir an, mich zu den anderen Tempeln um Khajuraho zu fahren, sofern ich das Benzin für seinen Motorroller zahle. Er bringt mich – so unser Deal – nach der Tour zum Geschäft seines Chefs, der sich mir als “Super Mario” vorstellt. Super Mario zieht eine beeindruckende Verkaufsshow ab, kann mich aber für seine Pashmina- bzw. Kashmir-Wirkwaren nicht begeistern.

Am Abend besuche ich den Gottesdienst von Father Jossey in der St. Joseph’s Church. Das Gebäude ist klein und bescheiden und hat äußerlich wenig mit einer europäischen Kirche gemeinsam. Katholiken sind in diesem Landesteil eine verschwindend kleine Religionsminderheit, wobei die angeschlossene von Nonnen geführte Schule hohes Ansehen in ganz Khajuraho genießt.

Ich habe mich im Rahmen meiner Möglichkeiten angemessen angezogen: für solche Anlässe habe ich ein langärmliges Hemd im Gepäck, kann aber an meiner ausgewaschenen Jeans und den zerschlissenen Schuhen wenig ändern. Der Gottesdienst wird komplett auf Hindi abgehalten. Ich war lange nicht in einem katholischen Gottesdienst und bin aus der Übung was das Protokoll betrifft. Es wird viel gesungen und im Sprechgesang vorgetragen. Instrumente gibt es hier nicht – von einem Klavier oder einer Orgel ganz zu schweigen. Der Gottesdienst endet mit der Segnung der Gaben und der heiligen Kommunion. Das kenne ich als getaufter Katholik!
Father Jossey in St. Joseph, Khajuraho

Father Jossey in St. Joseph, Khajuraho – Altarbild und Theatervorhang sind auf die Wand gemalt
Die Heilige Maria mit Lichterketten-Aura

Die Heilige Maria mit Lichterketten-Aura
…im Sonntagsstaat

…im Sonntagsstaat

Father Jossey lädt mich in sein angrenzendes Pfarrhaus zum Essen ein. Mit Genugtuung nehme ich das Hähnchenfleisch im Essen zur Kenntnis: Offensichtlich ist dies kein hinduistischer Haushalt! Mir bleibt lebhaft in Erinnerung, wie wir im Anschluss Die Mumie kehrt zurück auf Englisch im Fernsehen schauen. Father Jossey ämusiert sich köstlich während ich die vielen unchristlichen Anspielungen und Aussprüche im Film zähle. Im Anschluss fährt er mich mit seinem Auto zum Bahnhof, von wo der Nachzug nach Varanasi abfährt.

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