Liebesgrüße aus Udaipur

Udaipur

UdaipurNachdem ich den ersten Indien-Schock überwunden und mich in Pushkar von den Strapazen zweier Großstädte erholt habe, fühle ich mich bereit für neue Abenteuer.

In Pushkar habe ich abgesehen von kurzen Gesprächen keinen Anschluss an andere Reisende finden können. Solo zu reisen hat seine Vor- und Nachteile: Ich bin nur mir selbst verpflichtet und muss keine Kompromisse eingehen. Darüber hinaus genieße ich es durchaus, alleine zu sein. Andererseits suche ich auf meiner Reise Gesellschaft. Ich brauche sie insbesondere am Abend: Gemeinsam über das Erlebte sprechen, Reisempfehlungen bekommen (und weitergeben) und ggf. entscheiden gemeinsam zu reisen und neue Pläne schmieden. Ich muss schmunzeln, wenn ich daran denke, wie häufig sich abendliche Gespräche wortwörtlich um Gott und die Welt drehen. Ich bin wie viele andere Reisende – in Gegenden wie diesen vermutlich noch mehr als in Partyhochburgen wie Goa – auf der Suche. Ich kann selbst nicht sagen wonach eigentlich, aber Suchende scheinen anfällig für solche Gespräche zu sein.

Ich komme erst am späten Abend in Udaipur an und folge einer Unterkunftsempfehlung meines Stefan Loose Reiseführers. Mein Tuktukfahrer möchte mir die Unterkunft seines angeblichen Onkels zeigen: “The rooms are very good. And very cheap price!”. Und er würde bestimmt eine Provision bekommen, wenn ich dort absteige… aber das sagt er natürlich nicht. Ich verneine. Er hält doch dort an und ich bin zu müde, um einen Aufstand zu machen und schaue mir murrend die Unterkunft an. Am Ende beharre ich doch auf meiner Wahl.

Die gewählte Unterkunft scheint ziemlich verlassen und das Mehrbettzimmer mit 10 Betten ist leer. Ich hatte gehofft dort wie zuvor in Jaipur einfach Kontakt knüpfen zu können. Aber es ist spät, was schlecht für die Unterkunftssuche und noch schlechter fürs Preisverhandeln ist. Ich bleibe eine Nacht alleine im großen Dorm und ziehe am nächsten Morgen um.

“Recommended by Lonely Planet” ist ein Attribut, das an vielen Schildern von Hotels und Restaurants zu lesen ist. Das Vertrauen in die Empfehlungen der Backpacker-Bibel, wie die Reiseführer des Lonely Planet Verlags zynisch auch genannt werden, ist groß. Der Beiname rührt daher, dass manch Rucksackreisender blind und ohne zu hinterfragen den Routen- und Hotelempfehlungen dieses Reiseführers folgt. Leider führt die Erwähnung in den Reiseführern dazu, dass die Orte (ob nun Unterkunft oder Restaurant) ihre Ursprünglichkeit verlieren und dem vermeintlichen Segen des einfach zu verdienenenden Geldes verfallen. Unterkünfte werden ausgebaut um mehr Reisende unterbringen zu können, Essensangebote werden für kulinarisch unflexibles Westpublikum um “International Cuisine” ergänzt. Auf Dauer geht mit dieser Entwicklung der Charme, der einsts zur Empfehlung geführt hat, verloren und damit auch die Popularität unter Reisenden.

Statt den ausgesuchten Empfehlungen in gedruckten (und damit schnell veralteten) Reiseführern zu folgen, nutze ich das Bewertungsportal Tripadvisor. Es wird nicht nur genutzt um Hotels sondern auch Restaurants, Veranstalter, Attraktionen oder generell Sehenswürdigkeiten zu bewerten. An vielen Türen prangt das Logo und lädt dazu ein, die Bewertungen früherer Besucher zu lesen und selber eine Bewertung abzugeben. Häufig findet sich sogar ein gerahmtes Zertifikat von Tripadvisor an der Wand, wenn die Bewertungen entsprechend gut ausfallen.

Ich lande am nächsten Morgen im Udai Haveli Guest House. Bereits beim Frühstück lerne ich Maxence (aus Frankreich) und Naoual (aus Marokko) kennen, die beide in Frankreich studieren und wegen eines Studienaufenthalts in Indien sind. Aber anstatt in der Vorlesung irgendwo in der Nähe Kalkuttas zu sitzen, reisen sie für einige Wochen umher.
Maxence & Naoual in Udaipur

Maxence & Naoual am Monsunpalast, Udaipur

Udaipurs Altstadt ist um mehrere künstliche Seen angelegt, die zusammen mit den umliegenden Höhenzügen eine traumhafte Kulisse bieten. Traumhaft genug für den internationalen Film: An jeder zweiten Ecke werden die allabendlichen Vorführungen des James Bond Films Octopussy beworben (Erscheinungsjahr: 1983 – mit Roger Moore als James Bond), der unter anderem hier gedreht wurde. Udaipur gilt als eine der romantischsten Städte Indien, weswegen frisch Vermählte gerne ihre Hochzeitsreise hier verbringen. Problemslos kann man viele Tausend Euro für eine Suite im exklusiven Lake Palace ausgeben, das internationale Stars anzieht. Ich wohne weniger glamurös und zahle 300 Rupien – also knapp 4 Euro für meines.
Lake Palace (heute ein Nobelhotel)

Lake Palace (heute ein nobles Hotel) – hier wurde auch James Bond gedreht
Grafitti am Flussufer

Grafitti am Flussufer – ob es die Krake auf die Frau mit Besen abgesehen hat?

Neben den Inseln im See dominiert der Stadtpalast die Szenerie. Udaipur wurde erst im 16. Jahrhundert gegründet und war Hauptstaat des Staates Mewar, da die vorherige Hauptstaat Chittaurgarh durch die Mogulherrscher zunächst belagert und schließlich von diesen eingenommen wurde. Heute ist der Stadtpalast Museum und Luxushotel.
Stadtpalast in Udaipur

Stadtpalast in Udaipur

Zu dritt beginnen wir die Stadt zu erkunden. Um den Pichola-See, in dem auch der Lake Palace liegt, liegen die verwinkelten, teils steilen Gassen der Altstadt. Zentral liegt der reich verzierte Jagdish-Tempel, der Jagannath (einer Erscheinungsform Vishnus – einem der drei Hauptgötter) geweiht ist. Details wie diese muss ich zugegebenermaßen nachträglich in meinem Reiseführer nachschlagen. Ich habe mir über die Wochen zwar einiges Wissen aneignen können, aber die Religion und Götterwelt des Hinduismus sind so vielfältig und unterschiedlich, dass ich nur staunen, aber wenig verstehen kann. Der ca. 300 Jahre alte Tempel ist über und über mit Figuren, Elefanten und Mustern versehen. Im Inneren singen Frauen zum rythmischen Trommelschlag. Wir setzen uns einige Minuten.

Jagdish-Tempel, Udaipur
Jagdish-Tempel, Udaipur

Jagdish-Tempel, Udaipur

Etwas außerhalb der Stadt steht auf einem Berg der mehrstöckige, dennoch unvollendete Monsunpalast (Sajjangarh). Während des Baus Ende des 19. Jahrhunderts stellte sich heraus, dass man kein Wasser so hoch würde pumpen können, sodass der Bau nicht fertiggestellt wurde. Erstaunlicherweise wurde er nachträglich nicht kommerzialisiert. Heute bietet er nach Osten einen tollen Blick auf Udaipur und zur anderen Seite einen Blick in die grünen Hügel und Berge der Umgebung. Der Palast liegt in einem kleinen Naturschutzreservat und Maxence, Naoual und ich laufen eine Stunde zu Fuß hinauf anstatt ein Taxi zu nehmen.
Monsunpalast (Sajjangarh), Udaipur

Monsunpalast (Sajjangarh), Udaipur
Blick in die Berge beim Aufstieg zum Monsunpalast

Blick in die Berge beim Aufstieg zum Monsunpalast

Wir erreichen den Palast kurz vor Sonnenuntergang. Obgleich es sich nicht um den offiziellen Sunset-Point handelt, ist die Aussicht großartig.
Blick auf Udaipur

Blick auf Udaipur mit Stadtpalast und Lake Palace
der unvollendete und nie genutzte Monsunpalast, Udaipur

der unvollendete und nie genutzte Monsunpalast, Udaipur
Blick aus dem Turm des Monsunpalasts

Blick aus dem Turm des Monsunpalasts. Für die eigene Sicherheit sorgt jeder selbst. Das “Geländer” ist ca. 40cm hoch.

Sonnenuntergang am Monsunpalast

In Pushkar, wo ich mich zuletzt aufgehalten hatte, war kein Alkohol oder Fleisch zu bekommen. In Rajasthan sind Fleischgerichte (Hühnchen, Lamm, Schwein – Rind sowieso nicht!) auf den Speisekarten eher die Ausnahme. Auch Alkohol steht selten auf der Karte. Es ist aber meistens unter der Hand zu bekommen. Ich bestelle abends heißhungrig Chicken Korma. Ein fettiges indisches Currygericht mit Kokusnussmilch und Käse.

Nachts hänge ich über der Kloschüssel. Durstig trinke ich Wasser, aber auch das will mein Magen nicht vertragen. Am Morgen bin ich besonnener: Ich mische das Elektrolytpulver, das ich mitgenommen habe, in das Wasser in meiner Plastikflasche. Obwohl ich mich schwach fühle und durstig bin, trinke ich den Vormittag über löffelweise von der Mischung. Bereits am Nachmittag ist das Schlimmste vorüber. Von Fleisch nehme ich in Indien fortan Abstand. Ich hatte meine Reiseapotheke mit diversen Pillen gegen Durchfall ausgestattet, es bleibt aber zum Glück mein einziger Zwischenfall.

Obwohl ich von der Nacht und dem Flüssigkeitsverlust geschwächt bin, unternehmen wir zu dritt eine Bootsfahrt auf dem Pichola-See. Dieser liegt zu Füßen des Stadtpalasts. Wir besteigen ein Boot zur kleinen Insel Jag Mandir. Wie in Pushkar wird das Ufer des Sees von Treppen gesäumt. Es wird rege gebadet und gewaschen.
Ghats am Pichola-See, Udaipur

Ghats am Pichola-See, Udaipur

Um sich zu waschen steigen Frauen im Gegensatz zu Männern in kompletter Kleidung ins Wasser. Aufreizend oder leicht bekleidet sehe ich keine einzige Frau.

Pichola-See, Udaipur

Die kleine Insel hat nicht viel zu bieten, aber wir ruhen uns angesichts der heißen Mittagssonne auf einer großen angenehm kühlen Mamorplatte aus.

An anderer Stelle hatte einer der Maharana (so hießen die Herrscher des Staates Mewar) zur Belustigung des Hofstaats einen Brunnengarten angelegt. Bei unserem Besuch wandeln dort mehr Inder als Ausländer zur Erholung.
im „Garten der Ehrendamen“, Udaipur

im “Garten der Ehrendamen”, Udaipur

Es bleibt bei der kurzen Begegnung mit Maxence und Naoual, die am Abend weiterreisen.

Das Udai Haveli Guesthouse verfügt über kein “Roof-top” Restaurant, sondern einen Gemeinschaftsbereich mit einem großen Tisch. Hier sind Begegnungen unvermeidbar. Es sind womöglich mehr Paare als Solo-Reisende in Indien unterwegs, aber es sind eher allein Reisende wie ich, die mit Menschen vor Ort und anderen Reisenden Kontakte knüpfen.

An meinem vorletzten Tag in Udaipur besuche ich mit Stephan, einem Italiener, der auf seinen Reisen kulinarische Inspirationen für sein Start-Up sucht, den Stadtpalast Udaipurs. Am Eingang werden wir – wie üblich bei solchen Touristenmagneten – von vielen Guides angesprochen.

– You need a guide? Where are you from?
– Germany
– Ich bin der einzige Deutsch sprechende Guide hier!
– Thank you, we will take the Audio Guide.
– Der Audio Guide ist scheiße! Ich gebe die beste Tour hier.

Zugegebenermaßen stellt sich der Audio Guide als mäßig heraus. Außerdem entscheide ich mich gegen das Fotografieren, wofür ich sonst 300 Rupien (ca. 4 EUR) extra zahlen müsste. So kann aus einem Eintrittspreis von ca. 4 EUR mit Audio Guide und Foto-Erlaubnis schnell ein Ticketpreis von 12 EUR werden.

Wir schließen uns am Abend mit zwei weiteren Bewohnern unserer Unterkunft zusammen. Gemeinsam nehmen wir ein Tuktuk zum offiziellen Sunset-Point der Stadt. In der betagten Seilbahn nehmen wir für einen Aufpreis eine der drei Gondeln gemeinsam und müssen nicht anstehen. Der Einweiser trägt seine abgetragene und etwas zu kleine Uniform mit Würde und freut sich über unseren Besuch. Während die Inder mit günstigeren Tickets in einer langen Schlange warten und den Sonnenuntergang verpassen, schweben wir gerade pünktlich zum Aussichtspunkt auf der sich über den Hügel schlängelnden Stadtmauer.

Seilbahn, Udaipur Blick vom Aussichtspunkt, Udaipur

Sonnenuntergang, Udaipur

Am nächsten Abend nehmen Stephan und ich den Nachtbus ins nördlich gelegene Jodhpur. Die beiden Städte werden durch einen Höhenzug getrennt, sodass es keine direkte Bahnverbindung gibt. Der Bus stellt mit ca. 6 Stunden Fahrzeit die schnellste Verbindung dar.

Es ist ein klimatisierter Sleeper-Bus mit Schlafkabinen auf zwei Ebenen links und rechts des Mittelgangs. Die Liegefläche ist gerade lang genug für mich. Die Kabine hat Vorhänge zum Fenster und zum Gang. Ich fühle mich zurück in meine Kindheit versetzt, in der ich mit Decken eine gemütliche Höhle zwischen zwei Stühlen entstehen ließ.

Das Gefühl der Gemütlichkeit hält nicht lange an: Bei der Straße handelt es sich um eine Mountain Road. Der Bus fährt ununterbrochen durch Schlaglöcher und Serpentinen-Kurven. Das heftige Rütteln und ständige Ent- und Beschleunigen lassen mich in meiner Kabine umherhüpfen. Ich habe Hemmungen aus meiner Wasserflasche zu trinken, da ich durch ein unerwartetes Schlagloch entweder den Flascheninhalt über mir verteilen oder mir die Zähne ausschlagen könnte. Irgendwann schlafe ich dennoch ein. Wir werden geweckt und müssen zügig den Bus verlassen, der kaum vollständig hält, um dann direkt weiterzufahren.

Es ist vier Uhr früh. Der Bus hat uns mitten auf einer Straßenkreuzung außerhalb Jodhpurs abgesetzt. Stille. Kein Verkehr. Tuktuks warten bereits und preschen aus der Dunkelheit heran, um uns in die Stadt zu bringen. Es ist ziemlich warm und während der Fahrt sehe ich erstmals viele Menschen auf dem Bordstein der breiten Asphaltstraße schlafen. Manche haben eine Plane zwischen angrenzenden Mauern und Boden gespannt oder Bretter schräg angelehnt unter denen Füße und Köpfe hervorragen. Die Straßen, die bereits in wenigen Stunden volle Menschen und Fahrzeuge sein werden, wirken im fahlen Scheinwerferlicht wie ausgestorben. Selbst die Kühe und Hunde liegen überall zusammengerollt. Die Straßen steigen zur Stadtmitte hin an. Bald werden sie zu engen Gassen und wir müssen die letzten paar hundert Meter laufen. Unser Fahrer weist uns den Weg und hämmert gegen die Tür des Cosy Guesthouse. Schläfrig öffnet ein junger Inder die Tür. Stephan und ich teilen uns ein Zimmer und fallen um halb fünf Uhr früh in unsere Betten.

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