Namaste. Welcome to incredible India

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indienIch lande am 04.10.2013 um 06:30 Uhr in Neu Delhi. Die kürzlich fertiggestellte Metro, in der an diesem Freitagmorgen kaum jemand fährt, bringt mich in 20 Minuten zur New Delhi Railway Station. Ich möchte in den Stadtteil Paharganj – auf den Main Bazaar – der direkt westlich des Bahnhofs liegt. Dort soll das Backpackerparadies sein: günstige Zimmer, sehr zentral, viele Reisende. Ich habe nichts vorgebucht. Da ich früh am Morgen angekommen bin und an dem Main Bazaar viele Hotels und Guesthouses liegen, die mein Reiseführer empfiehlt, möchte ich meine Unterkunft vor Ort auswählen.

Es ist warm und schwül. Bereits 25 Grad an diesem frühen Morgen. Ich stehe auf der Straße vor der Metrostation, in deren riesigen klimatisierten Marmorhallen ich noch fast alleine war. Aber wohin muss ich gehen? Das Gebäude ist auf allen vier Seiten von Straßen umgeben, auf denen sich laut hupend Tuk-Tuks, Motorroller, Busse, eingedellte Autos, Kuh-Gespanne und Menschen drängen. Ich frage einen Inder am Straßenrand. Er zeigt auf das gegenüberliegende Gebäude und sagt ich solle die Brücke überqueren. Ok, ich bahne mir vorsichtig den Weg über die Straße. Linksverkehr! Ständig werde ich von der Seite angesprochen: “Hello my friend. Where you go? Tuk-Tuk?” Mit meinen beiden Rucksäcken (der große auf dem Rücken, der kleine vor der Brust) und der hellen Haut bin ich auf hunderte Meter als frisch angekommener Ausländer zu erkennen.

Ich bahne mir den Weg in die Empfangshalle des Gebäudes, in das ich geschickt wurde. Es ist der Bahnhof. Auf dem Weg zur Treppe stoße ich auf eine Sicherheitsschleuse: “Ticket?” – “No, no ticket.” Ich werde zum Informationstresen in die offene Halle zurückgeschickt, in der sich neben mir hunderte Inder drängen. Ok. Ich warte am Fenster des Tresens, aber die zwei Männer drinnen rühren sich nicht. Ein Inder mit Turban spricht mich von der Seite an: “I work here, where you want to go?”. Ich möchte zum Main Bazaar, deren Hotels sind aber wegen eines mehrtägigen Festivals in dem Stadtteil geschlossen, wie ich erfahre. Mist! Schließlich sind dort fast alle günstigen Unterkünfte. Er bringt mich zu einem Tuk-Tuk und handelt einen günstigen Preis (20 Rupien = 0,25 EUR) für mich aus, damit es mich zur Touristen Information in der Nähe des Connaught Place bringt. Die haben einen Überblick, wo ich eine günstige Unterkunft in einem anderen Stadtteil bekomme. Klingt gut!

In der kleinen Touristeninformation ist wenig los. Viele Plakate verschiedener Sehenswürdigkeiten an der Wand. In drei kleinen Parzellen können die Touristen an Tischen beraten werden. Wegen des Festivals sei praktisch alles in Delhi ausgebucht in den nächsten Tagen wird mir gesagt. Der Berater ruft für mich mehrere Telefonnummern aus meinem Reiseführer an und am Telefon wird mir versichert, dass die nächsten Tage kein Zimmer zu kriegen sei. Nur in den gehobenen Hotels, die auf jeden Fall außerhalb meines Budgets liegen, sind möglicherweise welche zu haben.

So ein Mist. Mein Berater empfiehlt mir für ein paar Tage die Stadt zu verlassen und nach dem Festival wieder zu kommen. Zum Beispiel könne ich nach Jaisalmer in Radjasthan fahren – da möchte ich ohnehin hin –, aber die Zugfahrt dorthin dauert über 20 Stunden. Darauf habe ich nach 12 Stunden Anreise und keinem Schlaf im Flugzeug nun gar keine Lust. Eigentlich wollte ich ein paar Tage Neu Delhi erkunden. Ich hatte einige Tage zuvor bereits mit einem indischen Couchsurfer Kontakt, der ich eingeladen hatte, bei ihm zu übernachten. Vielleicht dorthin? Aber ich habe keine Handynummer von ihm und weiß nur, dass er in Gurgaon – einem Vorort von Neu Delhi – wohnt. Ich schreibe ihm von dem Computer der Touristeninformation eine Email – vielleicht kriege ich ja eine Antwort in den nächsten Stunden und kann bei ihm unterkommen. Ich brauche später nur erneut Internet. Der Berater sagt mir, seitdem praktisch jeder günstiges Internet auf dem Smartphone habe, seien Internetcafés ausgestorben.
Aber gibt es nicht bei McDonalds immer WLAN? Ich hatte auf dem Weg zur Touristeninformation das Logo aus dem Tuk-Tuk eine Filiale gesehen.

Ich schlage die Angebote aus und werde noch darauf hingewiesen, dass sich viele Reisende wie ich in Gefahr begeben würden, weil sie versuchen auf eigene Faust irgendetwas zu finden und am Ende keine Unterkunft hätten.

Der Fahrer hatte die knappe Stunde vor der Tür gewartet und fragt mich, wohin ich nun wolle. Ich sage ihm, dass ich zu dem McDonalds wolle, den ich auf dem Weg gesehen hatte. Der mache erst am Nachmittag auf, sagt mir mein Fahrer. Es ist immer noch Vormittag. Ich möchte trotzdem dorthin – ich kann auch etwas warten. Mein Fahrer fährt zurück Richtung New Delhi Railway Station. Er telefoniert bei dem irren Verkehr nebenbei, was er auf der Hinfahrt auch schon gemacht hatte. Ich weiß nicht genau, wo ich den McDonalds gesehen habe und er weiß es scheinbar auch nicht. Wir halten am Straßenrand und mein Fahrer spricht mit einem Inder, der mir anschließend auf Englisch erneut bestätigt, dass Restaurants erst am Nachmittag aufmachen.

Ich bin ungeduldig und werde langsam ungehalten. Freundlich aber bestimmt fordere ich, zurück zum Bahnhof gebracht zu werden. Dort angekommen, steht der selbe Inder, der mich zu dem Fahrer gebracht hatte, auf dem Vorplatz und redet auf mich ein. Ich steige aus, gebe meinem Fahrer die vereinbarten 70 Rupien für Hin- und Rückfahrt und entferne mich vom Tuk-Tuk um das sich mehrere Menschen geschart hatten, um auf mich einzureden. Ich versuche an einer anderen Sicherheitsschleuse Zugang zum Bahnhof zu bekommen, in dessen Eingangshalle ich vor anderthalb Stunden bereits stand. Selbstbewusst gehe ich durch die Schleuse und werde nicht nach einem Ticket gefragt. Ich gehe zur Fußgängerbrücke, die sich mehrere hundert Meter lang über die Bahnhofsgleise spannt. Der Stadtteil Paharganj ist ausgeschildert. Er liegt auf der anderen Seite des Bahnhofs.

Auf der anderen Seite verlasse ich den Bahnhof wieder und stehe am Beginn des Main Bazaar. Reges Treiben. Andere Backpacker gehen an mir vorbei und stürzen sich ins Getümmel.

Alles klar. Ich bin also an Schlepper geraten, die mich mit erfundenen Geschichten zum Kauf eines sicherlich überteuerten Zug- oder Flugtickets bewegen wollten. Mit den Telefonaten hatte der Fahrer angekündigt, dass er mich vorbeibringen würde und Basisinformationen über meine Pläne, die ich ihm im Gespräch gegeben hatte, weitergegeben. Die Touristeninformation ist eine von vielen angeblich echten Touristeninformationen. Das Telefon, von dem ich die Hotels angerufen hatte, hat mich nicht wirklich mit den jeweiligen Hotels verbunden. Am anderen Ende nahm immer jemand ab, der mir versicherte, dass kein Zimmer frei sei.

Ich hatte über diese Schlepper-Tricks gelesen und andere Reisende, die zum ersten Mal in Neu Delhi waren, erzählten mir später ähnliche Stories. Ein wirtschaftlicher Schaden ist nicht entstanden, wenn ich von den 70 Rupien absehe, die ich dem Fahrer bezahlt habe. Es hat mir allerdings den ersten Tag meiner Weltreise vermiest. Fortan ist meine Skepsis gegenüber Indern hoch. Das ist schade, weil nicht alle Böses im Schilde führen. Aber ich bin um eine wertvolle Erkenntnis reicher!

Ich finde eine günstige Unterkunft und erkunde den Rest des Tages in kleinen Kreisen die nähere Umgebung.

Welcome to incredible India.

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