Pushkar – Pilgersee und Kleinstadtidylle

Pushkar

PushkarPushkar ist eine wichtige Pilgerstädte für Hindus. Der Überlieferung nach hat Brahma (der Schöpfer unter den drei Hauptgöttern) den See geschaffen, als er eine Lotusblüte fallen ließ. Obwohl Brahma ein sehr wichtiger Gott ist, sind ihm nur wenige Tempel geweiht. Der wichtigste Brahma-Tempel steht in Pushkar. Um den zentralen See sind 52 Treppen (Ghats) angeordnet, die zu dem flachen Wasser hinabführen. Hindus pilgern nach Pushkar, um an dem See zu beten, Rosenblätter auszustreuen und Spenden zu leisten. Pushkar ist außerdem für den jährlich stattfindenden weltgrößten Kamelmarkt berühmt, zu dem hunderttausende (!) Besucher und zehntausende Kamele in Pushkar zusammenkommen. Leider findet der Kamelmarkt erst einen Monat nach meinem Besuch statt.

Ghats am Pushkar-See
Opfergaben am Pushkar-See

Ich erreiche die Kleinstadt Pushkar, die am Rande der Thar-Wüste liegt, nach einer gut zweistündigen Busfahrt von Jaipur aus. Nach den unübersichtlichen Millionenstädten New Delhi und Jaipur ist die Kleinstadt eine willkommene Abwechslung. Die Gassen sind zu eng für Tuktuks, müssen aber mit umso mehr Kühen, Motor- und Fahrrädern geteilt werden. Obwohl einige der Tiere Besitzer haben, sind sie nur selten angeleint. Die meisten der heiligen Tiere sind allerdings frei und ernähren sich wie die unzähligen Hunde, Katzen, Ratten, Vögel, etc. von dem Müll, den die Menschen einfach auf die Straße schmeissen. Die einzigen Mülleimer, die ich in Indien unter freiem Himmel sehe, sind nahe der populären Sehenswürdigkeiten zu finden.

Kühe in Pushkar
Ich komme bei strömendem Regen an. Der Bus hält an einer kleinen Kreuzung und ich werde von einem Inder auf einem Roller in das Hotel Everest gebracht. Das Hotel hat ein Flachdach mit Rooftop-Restaurant wie die meisten Unterkünfte, in denen ich in Indien unterkomme. Ich treffe im selben Hotel eine Familie aus Deutschland wieder, die mir eine Woche vorher im selben Flugzeug aus München aufgefallen waren. Ich treffe in den folgenden Wochen zufällig immer wieder auf Reisende, die ich vorher an anderen Orten getroffen habe. Viele Reisende haben eine ähnliche Route wie ich und weil die meisten den gleichen Empfehlungen der (Online-)Reiseführer folgen, ist ein Wiedersehen sehr wahrscheinlich.

Am nächsten Vormittag miete ich mir einen Roller. Auf dem Weg zum Rollerverleih spricht mich ein 15-jähriger Junge an. Natu spricht ausgesprochen gut Englisch und macht einen sehr erwachsenen Eindruck für sein Alter. Er fragt mich, woher ich komme und wir geraten in ein Gespräch. Er kann auch einige Sätze Deutsch. Er bietet mir an, mir die nähere Umgebung zu zeigen. Ich bin alleine unterwegs, kenne mich in der Gegend nicht aus und bin Gesellschaft nicht abgeneigt. Ich frage Natu, wieviel Geld er fürs Umherführen haben möchte. Er wolle nicht bezahlt werden, schließlich habe er ohnehin nichts zu tun und freue sich über meine Gesellschaft.

Also fahren wir gemeinsam aus der Stadt heraus. Wir fahren zu einem nahe gelegenen Tempel, in dem ein Sadu lebt, der sich (angeblich) nur von Kartoffeln ernährt (und viel Gras raucht). Ich genieße die Fahrt auf dem Roller durch die umliegenden Dörfer und über Feldwege. Viele Kinder winken und grüßen, wenn wir an ihnen vorbeifahren. Wir schlagen einen großen Bogen und wo es sehr unwegsam wird, fährt Natu, während ich hinten auf dem Roller sitze. Warum nicht?! Gegen Ende der Tour fahren wir zu einer Ansammlung einfacher Zelte. Natu erzählt mir, dass er hier mit seiner Familie lebt. Er zeigt mir auf seinem alten Handy die deutschen und franzönsischen Handynummern von Freunden, die ihm und seiner Familie vor einigen Jahren mit einem Geldgeschenk den Kauf des aktuellen Zeltes ermöglicht hätten. Es müsse allerdings erneuert werden. Er bräuchte 6000 Rupien (ca. 75 EUR) für den Kauf sagt er mir. Zunächst bin ich von seiner Geschichte berührt. Je näher wir Pushkar kommen, desto häufiger kommt er auf die Notwendigkeit eines neuen Zeltes zu sprechen. Wir essen noch gemeinsam (ich lade ihn ein). Nach ca. vier Stunden gebe ich ihm überdurchschnittliche 500 Rupien. Das ist der Betrag, den ich anderswo einem Tuktuk-Fahrer zahle, wenn er mir acht Stunden mit seinem Tuktuk zur Verfügung steht und mich hinfährt wohin ich möchte! Meine Enttäuschung ist groß angesichts des erneuten Versuches mir mit einer Mitleidsstory Geld aus der Tasche zu ziehen. Hätte er nicht mehrmals nach dem völlig überhöhten Betrag von 6000 Rupien gefragt, hätte ich ihm freiwillig vermutlich mehr als die finalen 500 Rupien gegeben.
Natu, Baba und ich in Pushkar

Natu, Baba und ich in Pushkar

Nachmittags unternehme ich eine Wanderung auf den hoch über der Stadt liegenden Savitri-Tempel in der Nachmittagshitze. Der steile Aufstieg ist sehr anstregend. Hinter dem Tempel erstreckt sich ein Bergkamm auf dem eine Straße gebaut wird. Ich überhole einen Inder, der seine Esel mit Baumaterial die Treppenstufen hinauftreibt. In ländlichen Gegenden sehe ich häufig Esel, die als Lastentiere eingesetzt werden. Der tolle Blick hinab auf Pushkar mit seinem zentralen See entschädigt für den anstrengenden Aufstieg. Als ich wieder unten bin, hält das Auto einer indischen Familie neben mir. Sie hatten den Abstieg vor mir angetreten und bieten mir an, mich das kurze Stück zurück in die Stadt mitzunehmen. Nach den erlebten Pleiten und dem erneuten Versuch, mir Geld aus der Tasche zu ziehen, freue ich mich sehr über die freundliche uneigennützige Geste.
Savitri-Tempel über Pushkar

Savitri-Tempel über Pushkar

Aufstieg zum Savitri-Tempel, Pushkar
Aufstieg von Eseln zum Savitri-Tempel, Pushkar

Aufstieg von Eseln zum Savitri-Tempel, Pushkar
Blick auf den heiligen Pushkar-See

Blick auf den heiligen Pushkar-See

Am Sonntagabend erlebe ich das Ende des Navratri-Festivals in Pushkar. Der zehnte Tag des Festivals trägt den Namen Dussehra. In den Monaten Oktober/November finden überall in Indien viele Festivals statt. Das populärste Festival ist Diwali Anfang November. Ich weiß nicht genau worum es geht, aber es ist ein großes Spektakel: Auf dem Mela-Ground (einer kleinen Arena, in der zum Kamelmarkt auch Rennen stattfinden), kommen alle Menschen zusammen und der Sieg von Lord Rama über Ravana wird zelebriert. Der Feuerschlucker steht für Lord Rama und setzt unter Jubel der Zuschauer am Ende die große Statue des Ravana in Flammen.

Lord Rama als Feuerschlucker, Pushkar Ravana-Figur auf dem Mela Ground, Pushkar Ravana-Figur auf dem Mela Ground, Pushkar

Am Morgen des dritten Tags nehme ich den Bus ins nahegelegende Ajmer, um nachmittags von dort den Zug nach Udaipur zu nehmen.

Ajmer, das nur 15km von Pushkar entfernt liegt, ist ein wichtiger Wallfahrtsort für Muslime. Das Grabmal einen berühmten Sufi-Heiligen liegt inmitten der Stadt. Die wenigsten Reisenden scheinen sich in Ajmer aufzuhalten. In den sechs Stunden, die ich mich in Ajmer aufhalte, begegne ich nur einem hellhäutigen Ausländer. Hindus sind größtenteils Vegetarier und in den meisten Restaurants wird gar kein Fleisch angeboten. Entsprechend groß ist meine Freude, dass ich im muslimisch geprägten Ajmer ausgezeichnetes geröstetes Hähnchen bekomme. Kommunikation funktioniert hier durch Fingerzeig, da es kein englisches Menü gibt.

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