Varanasi – Tod & Ewigkeit am Gangesufer

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varanasiBereits am Bahnhof in Khajuraho treffe ich Anneline aus Holland und Felix aus Deutschland. Anneline sitzt mit anderen Reisenden am Bahnsteig und signalisiert mir mit einem Lächeln, mich zu ihrer Gruppe zu gesellen.

Es ist bereits kurz vor Mitternacht und in der Klasse 3AC bekommen wir Kissen und Decken für die Nacht. Von Khajuraho gibt es nur einen Zug nach Varanasi täglich und in einigen Waggons sitzen außergewöhnlicherweise mehr Ausländer als Inder. Die Zugfahrt dauert 13 Stunden anstatt der vorgesehenen 11 Stunden. Vom Bahnhof teilen wir uns zu viert mit unserem Gepäck ein Tuktuk. Zu viert in einem offenen dreirädrigen Tuktuk zu fahren bedeutet, dass sich drei auf die Rückbank mit dem Gepäck quetschen. Ich wiederum sitze mit einer Arschbacke auf dem Sitz des Fahrers, hänge zur Hälfte aus dem Fahrzeug und versuche die Bewegung seines Lenkers (ja: Lenkers, nicht Lenkrad) nicht zu beeinträchtigen. Im dichten Verkehr Varanasis ist es keine gute Idee aus einem Fahrzeug zu hängen – ich mache mich so klein wie möglich.

Varanasi – vormals Benares – gilt als eine der ältesten ununterbrochen bewohnten Städte der Welt. Bereits seit 2600 Jahren spielt die Stadt eine wichtige Rolle im Hinduismus. Sie soll von Gott Shiva, dem Zerstörer und mächtigsten Gott des Hinduismus gegründet worden sein. Sie zieht Pilger aus dem ganzen indischen Subkontinent an. Dem hinduistischen Glauben nach erlangt jeder Erlösung, der in Varanasi stirbt. Erlösung bedeutet dem nicht endenden Zyklus der Wiedergeburten zu entkommen. So kommen alte Menschen mit dem Vorhaben dort zu sterben nach Varanasi. Der Tod ist also omnipräsent.

Das Flussufer des Ganges, der viele hundert Meter breit und mächtig durch Varanasi fließt, wird über Kilometer von Ghats gesäumt.Varanasi Ghats

Varanasi Ghats

sunken temple Varanasi

Obwohl das Wasser nachweislich erheblich verunreinigt ist, baden und waschen Inder täglich an den Treppen. Das heilige Wasser des Ganges verspricht Reinheit für die Lebenden und Erlösung für die Toten.

Baden mit Wasserbüffeln

Waschen am Gangesufer

Die Straßen der Altstadt sind verwinkelt und chaotisch. Die vielen Menschen, Kühe und Motorräder sorgen bereits für mehr Verkehr als erträglich. Fahrradrikschas und Tuktuks dürfen nicht hereinfahren, sodass wir am Rande des Gassengewirrs abgesetzt werden. Wir müssen den Rest zu Fuß laufen. Anneline, Yasmina und Phillip aus Schweden und ich haben uns ein paar Unterkünfte herausgesucht, die wir ansteuern wollen. Wir stürzen uns ins Getümmel in den engen Gassen. Mit unseren Rucksäcken fallen wir auf wie bunte Hunde. Bald laufen mehrere Schlepper vor und hinter uns her und versuchen uns in bestimmte Unterkünfte zu lotsen. Das Straßennetz entsagt jeder Ordnung. Auf, ab, schmal, breit, geschwungen – selten geradeaus. Die Gebäude sind hoch um die Himmelsrichtung am Sonnenstand erahnen zu können. Wir schauen einige Unterkünfte an, sind aber entweder von dem Preis oder der Qualität nicht angetan. In der schwülen Hitze, mit unserem Gepäck auf dem Rücken und lästigen Schleppern an den Fersen, von denen einer unter Drogen zu stehen scheint und besonders aufdringlich ist, laufen wir anderthalb Stunden orientierungslos durch die Gassen. Schlussendlich finden wir erschöpft und entnervt eine Unterkunft. Ich teile mir ein Doppelzimmer mit Anneline.

Zu viert unternehmen wir am Abend einen weniger erschöpfenden Rundgang durch Varanasi. Der Strom fällt aus, was in Indien durchaus üblich ist. Die Besitzer der kleinen Geschäfte zünden Kerzen an oder haben batteriebetriebene Lampen, die wenig aber ausreichend Licht spenden, um den Weg trotz der einbrechenden Nacht erahnen zu können. Geschäfte sind in Indien nicht viel mehr als zur Straße offene Räume, aus denen die Ladenbesitzer alle möglichen Verbrauchsartikel verkaufen. Ich habe in Indien keinen einzigen Supermarkt gesehen. Soweit ich weiß, verhindert die indische Regierung, dass Supermarktketten auf den indischen Markt drängen, da hunderte Millionen Inder von solchem Kleingewerbe leben.

Wir laufen an riesigen Holzstapeln vorbei und Brandgeruch und Rauchschwaden kommen uns entgegen. Wir gelangen an das Manikarnika Ghat – dem größeren von zwei Krematorien am Gangesufer – an dem Leichen auf Holzhaufen öffentlich verbrannt werden. Der beißende Rauch hindert uns daran näher an die brennenden Holzhaufen mit den aufgebahrten, in bunte Tücher gewickelten Körper zu treten. Viele Inder – die meisten Schaulustige wie wir – stehen am Rande in dunklen Ecken und lassen das Feuer und den Funkenflug auf sich wirken. Im Hintergrund des Blickfeldes geht das dunkle Wasser des Ganges nahtlos in den schwarzen Himmel über. Durch die Flammen kann ich, nachdem die umwickelten Tücher bereits verbrannt sind, schemenhaft Gliedmaßen erkennen. Ist da ein Bein und ein Fuß mit verkohlten Zehen zu sehen? Wir teilen uns flüsternd über verstörenden Eindrücke aus. Als ich einige Momente später erneut ins Feuer schaue, ist das Bein verschwunden. Vielleicht habe ich es mir auch nur eingebildet – oder das verkohlte Bein ist zurück ins Feuer gefallen.

Bilder dürfen verständlicherweise nicht gemacht werden. Bei einer Bootsfahrt in einem Ruderboot an einem der nächsten Tage mache ich ein paar Bilder vom Wasser aus.
Brennholz am Manikarnika Ghat

Brennholz am Manikarnika Ghat
Brennholz entladen

Unmengen an Brennholz wird täglich in Booten angeliefert und muss von Hand entladen und die Treppen hinaufgetragen werden
Öffentliches Krematorium

Öffentliches Krematorium
der letzte Gang – auf dem Weg zum Burning Ghat

der letzte Gang – auf dem Weg zum Burning Ghat

Am nächsten Tag wollen wir das Gangesufer mit seinen Treppen näher erkunden. Wir laufen die Hauptgasse parallel zum Flussufer entlang.
indisches Götter-Graffiti

indisches Götter-Graffiti

frisch gespresster Zuckerrohrsaft

frisch gespresster Zuckerrohrsaft

Asi Ghat ist das südlichste der Ghats. Felix und Jeff, mit denen wir am Vortag noch im Zug saßen, warten dort bereits auf uns. Ein paar Touristen sprechen uns an, ob wir bei einem Videodreh dabei sein wollen. Es werden noch ein paar Ausländer benötigt. Nach anfänglicher Skepsis siegt die Neugierde – wir haben ja Zeit.
Der Produzent weist sich aus für uns

Der Produzent weist sich für uns aus

Wir besteigen ein kleines Boot, das am Fuße des Ghats im Wasser liegt. Wir sind rund ein Dutzend Weiße und bekommen alle ein rotes T-Shirt, das wir anziehen sollen. Das Boot hat ein Flachdach, auf dem wir im Schneidersitz Platz nehmen. Einige aus der Gruppe bekommen ein Instrument in die Hand gedrückt: Flöte, Gitarre. Anneline einen Schellenring. Rajni Thakkarwal ist ein Lokalstar und wir sind Teil der Budgetproduktion eines Musikvideos, das angeblich zu Neujahr auf Youtube verfügbar sein soll. Die korpulente Sängerin mit gewissen Starallüren – wir können nicht einschätzen wie berühmt sie in Indien ist – bewegt ihre Lippen während aus einem Lautsprecher ein zuvor eingespielter Song über den Ganges dröhnt. Das Boot fährt vor der Kulisse der Stadt den Fluss hinab.
Rajni Thakkarwal

Rajni Thakkarwal

Wir sitzen unter der prallen Sonne im Schneidersitz und sollen uns im Takt der Musik wiegen oder schunkeln, während die Sängerin in unserer Mitte steht.Auf dem Boot, Varanasi

Die verteilten Instrumente kann niemand spielen, es tun aber alle ihr bestes es so aussehen zu lassen als ob. Der Kameramann scheint beeindruckt und macht vom Gitarristen und der Flötistin minutenlang Nahaufnahmen. Nachdem wir zwei Stunden später viele Kilometer flussabwärts im Wasser treiben, steigt der Kameramann in ein Beiboot und macht erst Aufnahmen vom Wasser dann von einer Sandbank aus. Der Song von Rajni Thakkarwal lärmt gefühlt zum tausendsten Mal aus den Lautsprechern. Obwohl niemand in unserer Gruppe in Eile zu sein scheint, macht sich eine weitere Stunde später Unruhe breit. Wir machen unserem Unmut Luft und werden schließlich an den Ausgangspunkt zurückgefahren und fordern als Vergütung ein Mittagessen ein. Wir werden zu einer Pizza eingeladen.
Kameramann im Laufschritt auf der Sandbank

Kameramann im Laufschritt auf der Sandbank

Gruppenbild auf dem Boot

Nach drei Wochen in Indien habe ich Lust auf deutsches Backwerk. Wie in den meisten Ländern außerhalb Deutschlands sind gute Brötchen und Brot kaum zu bekommen – in Indien sowieso nicht. Zu fünft folgen wir einer Empfehlung zur German Brown Bread Bakery. Wir müssen wachsam sein: Weil sich die Bäckerei großer Beliebtheit erfreut und auch in Reiseführern Erwähnung findet, hat sich nur 20m entfernt eine Bäckerei mit gleichem Namen niedergelassen. Wer nur den Namen im Kopf hat und das Original nicht anhand eines Bildes von Tripadvisor oder einer genaueren Beschreibung zu erkennen weiß, wird möglicherweise in der abgekupferten (schlechteren) Kopie landen.
Ausschilderung zur Brown Bread Bakery

Ausschilderung zur Brown Bread Bakery

Die richtige Brown Bread Bakery wurde tatsächlich von einem Deutschen gegründet, der bereits seit 20 Jahren in Varanasi lebt und fast nicht mehr von einem Inder zu unterscheiden ist. Hier werden verschiedene Brot und importierte Käsesorten angeboten. Das verhältnismäßig teure Frühstück gönnen wir uns jeden Morgen der verbleibenden Tage in Varanasi.

In Varansi bringe ich meinen Laptop in ein Acer-Servicecenter eine und bekomme eine neue Festplatte. Ich verbringe die folgenden Tage in Varanasi weniger mit Erkundungen, sondern mit dem erneuten Aufsetzen meines Laptops. Das Wandeln in den engen Gassen mit hupenden und vorbeiheizenden Motorrädern fordert ohnehin alle Sinne und strapaziert auf Dauer das Gemüt.

Ich bekomme meinen ersten Haarschnitt auf der Reise und lasse mich dort auch rasieren. Eine Gesichtsrasur ist in Hamburg bestenfalls im muslimischen Teil St. Georg üblich. Hier ist es absolut alltäglich.
Haarschnitt & Rasur am Gangesufer

Haarschnitt & Rasur am Gangesufer

Anneline, Felix und ich; wir haben alle Nepal und Wandern um das Annapurna-Bergmassiv als nächstes Ziel und beschließen zusammen zu reisen. Yasmina und Phillip reisen weiter in den Osten Indiens.
Gruppenbild: Yasmina, Felix, Anneline, ich, Phillip

Gruppenbild: Yasmina, Felix, Anneline, ich und Phillip

Um an die Grenze zu gelangen, müssen wir erneut den Nachtzug nehmen. Der Zug Zug soll um 23:15 Uhr abfahren, hat aber über eine Stunde Verspätung. Während wir am Bahnhof in Varanasi warten, tummeln sich unzählige Ratten in den Gleisbetten zwischen den Bahnsteigen. Egal wohin ich schaue: überall bewegen sich die grauen Leiber. Ich ekle mich aber erst, als ich sehe, wie Inder mitten im Bahnhof in das von Ratten bevölkerte Gleisbett steigen um ihr Geschäft zu verrichten.
First Class (ohne AC)

Im Zug: First Class (ohne AC)

Von Gorakhpur nehmen wir einen Bus in die Grenzstadt Sonauli. Nach zehn Stunden Zugfahrt sind das weitere vier Stunden in einem vollgestopften öffentlichen Bus. Die Sitze sind selbst für meine schmalen Schultern knapp bemessen und ich sitze mit Indern zu siebt auf den sechs Sitzen der letzten Reihe.
Noch mit ausreichend Platz im Bus!

Noch mit ausreichend Platz im Bus!

Einige Kilometer vor Ankunft an der Grenze stauen sich bereits LKW. Die letzten paar hundert Meter müssen wir laufen. Auf der indischen Seite werden im Immigration Office unsere Pässe kontrolliert und das Visum überprüft. Anschließend dürfen wir die Grenze zu Fuß übertreten. Auf der nepalesischen Seite können wir ein 14, 30 oder 90 Tage Visum direkt bei Ankunft erhalten. Bezahlt wird Bar in Dollar.
Grenzübergang Indien/Nepal

Grenzübergang Indien nach Nepal in Sonauli/Belahiya

Nepal hat eine andere Zeitzone. Wir stellen unsere Uhren 15 Minuten vor! Indien hatte bereits eine ungewöhnliche Zeitzone: Mitteleuropäische Zeit (MEZ) +4:30. Während unserer Sommerzeit nur MEZ + 3:30. Nepal liegt in der Zeitzone MEZ +4:45.

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